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Tageblatt Gespräch mit Flötist Ian Anderson

Viele Zutaten mischen und etwas Neues ausprobieren


„Jethro Tull“ ist eine der bedeutendsten englischen Progressiv-Rock-Bands. Gründungsmitglied Ian Anderson etablierte die Querflöte im Rock. Am 9. April gastiert die 1967 gegründete Band in der Göttinger Stadthalle. Tageblatt-Mitarbeiter Udo Hinz sprach mit Anderson über Johann Joachim Quantz, John Wayne und Experimente beim Kochen.

Kennen Sie den bei Göttingen geborenen Komponisten Johann Joachim Quantz?
Ja, klar! Er ist ein berühmter Komponist für klassische Flötenmusik. Allerdings bin ich kein „klassischer“ Flötist, sondern mehr beeinflusst von Folk aus Irland und Asien oder vom Jazz. Mich hat stets das Archaische der Flöte angesprochen. Sie ist eines der ältesten Instrumente der Welt.

Wie kommt es, dass Sie beim Spiel der Flöte oft auf einem Bein stehen?
Mit 20 begann ich die Flöte so zu spielen. Ich weiß gar nicht wie es dazu kam. Aber Gott Krishna, einer der ältesten Flötisten der Mythologie, spielte auch auf einem Bein und hatte bei seinen weiblichen Anhängerinnen damit durchaus Erfolg.

Zur Person 

Ian Anderson, geboren 1947 in Schottland, begann seine Musikerkarriere als Sänger, auf der Mundharmonika und auf der Gitarre. Erst später fand er zur Querflöte. Zu seinen außermusikalischen Interessen gehören der Schutz von Wildkatzen und bedrohten Pferderassen, alte Kameras, vor allem Leicas, die indische Küche und Motocross.

Ihre Shows sind sehr energiegeladen. Woher nehmen Sie sich all die Kraft?
Die Energie kommt von der Musik und ich hoffe, dass ich sie auch in den nächsten zehn Jahren noch finde – und danach sterbe (lacht). Ich bin ein John-Wayne-Typ: Ich sterbe in meinen Stiefeln in der Hitze des Kampfes. Ich möchte so lange wie möglich auf der Bühne stehen. Doch, falls ich aufhören müsste, als Musiker kreativ zu sein, dann würde ich ein Buch schreiben oder Bilder malen.

Wie hat Musik Ihre Persönlichkeit über diese Zeit geformt?
Sie ist zum Ausdruck meiner komplexen Persönlichkeit geworden. Wie die meisten Menschen bin ich nicht nur eine einzige Person: Manchmal bin ich ein freundlicher Mensch und manchmal bin ich wirklich ein ärgerlicher und schlechter Mensch. Ich möchte in meiner Musik zeigen, wie komplex das Leben ist.

Woher kommt ihre Offenheit, Musikstile zu mischen?
Sie kommt daher, dass ich gegen meine Eltern und ihre Generation gekämpft habe. Als Teenager wollte ich viel über die Welt erfahren, doch die Welt meiner Eltern war sehr beschränkt und klein. Ich wuchs nach dem zweiten Weltkrieg auf. Die 50-er Jahre waren für ein Kind eine spannende Zeit, weil sich die Verhältnisse langsam änderten. In den Sechzigern haben wir dann die Türen geöffnet.

Waren Sie aktiv dabei?
Nein, ich bin kein Mensch, der demonstriert oder rebelliert. Ich lehne auch konsequent Gewalt ab.

Haben Ihre Songs eine gemeinsame Botschaft?
In meinen Texten habe ich viele Fragen aufgeworfen. Ich habe bereits 1974 über den Klimawandel spekuliert und darüber einen Song geschrieben. Auch über Themen wie Wachstum der Weltbevölkerung und den Zwang zum ständigen Wirtschaftswachstum habe ich Songs geschrieben. Mein Song „Locomotive Breath“ handelt von einem verrückten Zugführer auf einem unhaltbaren Zug in dem wir alle sitzen.

Die Musik von Jethro Tull ist zeitlos. Was ist das Geheimrezept dafür?
Ich vermeide zu viele Bezüge auf typisch modische Erscheinungen. Texte sollten eher einen zeitlosen Inhalt haben. Nehmen sie meinen Song „Aqualung“: Es ist ein Lied über einen heimatlosen Menschen. Dies ist ein zeitloses Thema – überall auf der Welt gibt es auch heute heimatlose Menschen. Ich habe auch bisweilen Songs über ganz konkrete Ereignisse geschrieben, doch die waren nicht sehr erfolgreich.

Was ist heute in der Musikszene besser – und was war 1970 besser?
Heute bekommt man Musik als Download im Internet und junge Musiker können über Internet bekannt werden. Wunderbar! Aber das Problem ist doch: Musik bedeutet heute nicht mehr das gleiche wie in den Siebzigern. Damals kauften wir ein neues Album von Pink Floyd, den Beatles oder Elton-John und haben es mit Freunden gemeinsam angehört. Heute wird bei der Musik nicht mehr wirklich zugehört, sie wird nur noch über iPod im Zug oder am Strand konsumiert als ein Teil elektronischer Unterhaltung. Es gibt heute viel mehr Musik, aber sie hat kaum noch Gewicht.

Wie schaffen sie es, als so bekannter Mensch geerdet zu bleiben?
Ach, so berühmt bin ich doch gar nicht. Ich brauche keine Bodyguards. Ich kann in den Supermarkt gehen und alle halten mich für einen älteren Typen, der für seine Frau einkauft.
Kaufen Sie dann Zutaten zum Kochen? Sie sind ja begeisterter Hobbykoch.
Ich bin weniger am Kochen interessiert, ich bin mehr am Essen interessiert (lacht).

Nach welchen Grundsätzen bereiten Sie Speisen zu?
Ich mag interessante Zutaten, unterschiedliches Gemüse und Gewürze aus aller Welt. In meinem Garten versuche ich auch viele Zutaten selber anzubauen. Ich bin kein Vegetarier, doch ich esse am liebsten Gemüse oder Fisch. Manches, was ich koche, ist aber so exotisch, dass es niemand essen möchte. Deshalb koche ich oft nur für mich selbst. Beim Kochen ist es doch wie in der Musik: Das Abenteuer, viele Zutaten zu mischen und etwas Neues auszuprobieren, fasziniert mich – aber es ist nicht immer erfolgreich.

„Jethro Tull“ gastiert am Freitag, 9. April ab 20 Uhr in der Göttinger Stadthalle. Karten gibt es unter anderem in den Geschäftsstellen des Göttinger Tageblattes, Jüdenstraße 13c.

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