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Theater im OP

Wo endet Leidenschaft, wo beginnt Gewalt?


Ein langer Tisch in irgendeinem Lehrerzimmer, irgendwo im Land. Die Szenerie authentisch und tragisch real, die Rollenklischees so alt und doch so treffend. „Lehrernacht“ heißt das Drama von Bodo Kirchhoff, das am Mittwoch im studentischen Theater im OP seine Premiere feierte und die alte Frage um die Grenzen von Liebe, Lust und Leidenschaft zu beantworten versucht.

Lehrer im Konflikt:  Laetitia Scholtka als Sophie Kressnitz und Jürgen Bittrich als Roman Branzger.

© Opitz

Göttingen. Als die ersten Lehrer im Lehrerzimmer ankommen, erkennt jeder, der einmal in die Schule gegangen ist, schon von weitem, wen er da vor sich hat: Da ist das Lehrerehepaar Herr und Frau Stubenrauch (dargestellt von Nils Achtergarde und Cathrin Wilkens), das immer einer Meinung ist, seinen eigenen Ökotee mischt und politisch überkorrekt sein will, ständig von seinem Aufenthalt im Kongo faselt und dann aber doch durch edle Outdoor­jacken und einen schicken BMW auffällt.

Dann kommt der Schöngeist und Humanist Dr. Branzger dazu, der von Jürgen Bittrich mit viel Engagement und Ergriffenheit gespielt wird. Auch Oliver Piskurek glänzt in seiner zunächst unauffälligen und lustigen Rolle als ewig beturnschuhter Sportlehrer Herr Graf, ein bisschen Prolet, ein bisschen Schwerenöter ist und der seinen Spitznamen „Pornograf“ vielleicht auch ein bisschen zu Recht trägt.

Neun Lehrer und Lehrerinnen kommen an einem kalten Abend im Februar zusammen, um über einen Vorfall im Schulkeller zu sprechen. Auf dem Spiel steht der mögliche Verweis des Schülers Viktor, der seine Mitschülerin Tizia vergewaltigt haben soll. Es steht Aussage gegen Aussage und damit die uralte und vor allem furchtbare Frage im Raum: Wo hört wilde Leidenschaft auf und wo fängt eine Vergewaltigung an? Die Beantwortung und Wertung der nicht eindeutig festzustellenden Geschehnisse werden zu einer Zerreißprobe für das ganze Lehrerkollegium.
Zunächst scheinen sich die Lehrer schnell einig und einigermaßen unberührt. Schließlich beginnt aber eine Entwicklung im Kollegium, bei der Seiten und Meinungen gewechselt und Eingeständnisse über eigene, prägende Erlebnisse gemacht werden.

Die Regisseure Thomas Rühling und Heiko Matthias schaffen es, durch das Aufbrechen von Klischees und das emotionale Ausbrechen der Protagonisten aus ihrer vorgegebenen Rolle, das Stück nicht in der Gewöhnlichkeiten untergehen zu lassen. Durch gezieltes Einsetzen von Wutausbrüchen und unerwartet intim berührenden Geständnissen der Lehrer, wie etwa das eigene Erleben von Abtreibungen oder Vergewaltigungen, wird die Banalität der Frage, was sich im Schulkeller denn nun abgespielt hat, zu einer Frage danach, wie Leidenschaft und Liebe zu Gewalt werden kann.

Leider wird dabei das Thema der Gewalt in Beziehungen nicht so erfasst, wie es diesem ernsten Problem angemessen wäre. Die Komik der klischeebehafteten Lehrer steht eher im Vordergrund als die Frage, wie mit Tätern und Opfern im öffentlichen Miteinander umzugehen ist. Ein 80-minütiges Stück, das letztlich leider keine eigene Antworten auf die großen Fragen bietet, doch aber einen Einblick gibt, wie sich durch das Einbeziehen und Reflektieren eigener Gefühle und Erinnerungen, Meinungen um 360 Grad wandeln können.

Weitere Aufführungen am 10., 11., 14., 15., 17., 18., 22., 24. und 25. Februar um 20.15 Uhr im Theater im OP, Käte-Hamburger-Weg 3. Karten unter Telefon 05 51 / 39 70 77 und unter thop-online.de

Von Indra Hesse

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