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Kultur Namika steht erneut in Göttingen auf der Bühne
Nachrichten Kultur Namika steht erneut in Göttingen auf der Bühne
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17:36 07.09.2018
Namika beim Konzert im Göttinger Kaiser-Wilhelm-Park 2016. Quelle: Mischke
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Göttingen

Die 26-jährige Namika, mit bürgerlichem Namen Hanan Hamdi, eroberte vor zwei Jahren mit der Single „Lieblingsmensch“ die Charts. Mit ihrem Debüt-Album „Nador“ war die Deutsch-Marokkanerin nicht nur hierzulande, sondern auch im europäischen Ausland erfolgreich. In dem Nachfolger „Que Walou“ lässt sie unterschiedliche Elemente wie Alternative-Pop, Hip-Hop und orientalische Klänge zu eigenständigen Songs verschmelzen. Am 13. September ist sie beim NDR 2 Soundcheck Festival in Göttingen dabei.

„Que Walou“ ist eine Redewendung aus dem in Zentralmarokko gesprochenen Berberdialekt Tamazight. Sie bedeutet entweder „wie nichts“ oder „für nichts“. Was wollen Sie damit ausdrücken?

Namika: Ich habe daraus mein eigenes Mantra entwickelt. Selbst wenn ich etwas für nichts gemacht habe, habe ich es gern gemacht.

„Ahmed (1960-2002)“ haben Sie Ihrem Vater gewidmet, den Sie nie kennengelernt haben. Haben Sie mit Ihre Mutter viel über Ihren Vater gesprochen?

Ich habe meine Mutter natürlich befragt, und sie hat mir die Geschichten erzählt, mit denen ich dann den Song schreiben konnte. Als Kind hat mir eine Hälfte gefehlt. Ohne dieses verloren gegangene Puzzlestück gab es für mich kein ganzes Bild.

Was wissen Sie über Ihren Vater?

Er stammt aus Marokko aus einem relativ wohlhabenden Elternhaus. Er musste nie wirklich arbeiten. Und dann kam er nach Deutschland; ein Land, das vom System her komplett anders funktioniert. Hier musste er feststellen, dass er keinen Anschluss findet. Er kam nicht damit klar, dass man in Deutschland im Prinzip nichts ist, wenn man nicht arbeitet. Meine Mutter hat die Miete bezahlt, als sie noch schwanger mit mir war. Es war ihm alles zu viel, nehme ich an. Auf einmal war er verschwunden; auch kein Privatdetektiv hat ihn aufspüren können. Bis wir nach ein paar Jahren herausfanden, dass er abgeschoben wurde und in Marokko im Gefängnis saß. Es fiel mir schwer, den Song zu schreiben. Aber ich wollte dieses Thema endlich abhaken. Und ich möchte Menschen Mut zusprechen, denen es ähnlich ergeht. Schlechte Verhältnisse müssen kein Hindernis für Glück sein.

Wie erging es Ihrem Vater nach dem Gefängnis?

Als er aus dem Gefängnis kam, wurde bei ihm Krebs diagnostiziert, und er wollte uns zurückhaben. Das hat mein Großvater verneint und ihn zurückgeschickt mit der Begründung, wo er denn all die Jahre gewesen sei und mit welchem Recht er seine Tochter zurückfordere. Noch nicht mal er selbst kam zu uns, sondern sein Schwager. Der hat damit gedroht, dass mein Vater mit Anwälten und dem Königshaus vernetzt sei. Er würde mich sogar kidnappen. Seitdem durfte ich bei Besuchen in Marokko nie wieder alleine draußen spielen, auch nicht vor der Haustür.

Wie geht es Ihnen heute nach diesen Erfahrungen?

Die eine Hälfte fehlt mir bis heute. Meine Mutter hat versucht, diese Lücke mit sehr viel Liebe zu füllen, aber man braucht wohl einfach einen Vater. Heute kann ich anders damit umgehen, und vielleicht werde ich seine Perspektive verstehen, wenn ich einmal selbst Kinder in die Welt setze. Ich vermute, er war damals noch viel zu sehr Kind, um ein Vater zu sein. Dafür habe ich heute ein wenig Verständnis. Als Kind war ich hingegen wütend auf ihn, auch mal traurig. Aber jetzt kann ich mein Leben selbst gestalten und bin von niemandem abhängig.

Sie haben mit 14 Jahren begonnen zu rappen. Wie waren Ihre Anfänge?

Ich habe sehr spielerisch mit Fantasie-Englisch angefangen. Mit meinem Cousin, der einen Monat jünger ist als ich. Meine Großeltern hatten ein Tapedeck und wir haben uns immer beim Plus-Markt unbespielte Kassetten gekauft. Mein Cousin hat die Beatbox gemacht und ich habe gerappt.

Hatten Sie später den Anspruch, einen eigenen Stil zu entwickeln?

Mit der Zeit habe ich es ernster gemeint. Dazu gehörte auch richtiges Songwriting und nicht nur gute Flows und gutes Beatboxing. Viele Künstler, die ich mochte, haben mich dazu gebracht, Hip-Hop zu hören und zu verstehen. Unter anderem Lauryn Hill, Missy Elliott, Busta Rhymes, 2Pac und The Notorious B.I.G. Meine Tante hat mich zum Hip-Hop gebracht, sie ist zehn Jahre älter als ich und hat immer coole neue Musik mitgebracht. Später habe ich mir mit Freunden eigene Musikstudios gebaut. Wir haben Mikrofone aufgestellt und die Wände mit Eierkartons schalldicht gemacht.

Namika bedeutet auf Berberisch „Schreiberin“. Sie haben die Werke von Brecht und Goethe gelesen. Was hat Sie daran fasziniert?

Ich habe sie in der Schule gelesen und mochte alles, was mit Lyrik zu tun hat und einen Kunstbezug hatte. Deutsch war eines meiner Lieblingsfächer, gerade wegen des kreativen Aspekts. Ich wäre aber nicht von allein darauf gekommen, mir Bücher von Goethe und Schiller zu kaufen und diese zuhause schön im Bett durchzulesen. Es war anstrengend, zu verstehen, was sie da sagen wollen, weil es eine alte, sehr hoch gestochene Sprache ist. Aber Goethes „Faust“ ist faszinierend!

Hat Ihnen Goethe dabei geholfen, eine gute Rapperin zu werden?

Vielleicht hat er mich weniger geprägt, aber ich fand Goethe cool. Es hat mich sehr beeindruckt, dass jemand zu der Zeit ein ganzes Buch in Reimen geschrieben hat. Ich habe mich mit ihm in dieser Hinsicht identifizieren können. Deswegen hat es mir Spaß gemacht, seine Texte zu lesen. Auch wenn ich jede Seite dreimal lesen musste, um den Inhalt zu verstehen.

Welche Vision hatten Sie von Ihrer Musik?

Ich habe immer sehr gemischte Musik gehört und auch Mary J. Blige, die Spice Girls und Maria Carey gefeiert. Deshalb singe ich auch viel in meinen Songs und rappe nicht nur.

Welchen Einfluss hat Marokko auf Ihre Musik?

Die Musik in Marokko hat mich immer sehr interessiert. Sie hat eine ganz andere Rhythmik und Noten, die es im europäischen Notensystem gar nicht gibt. Sie ist sehr tanzbar, weshalb sie auch Einfluss auf meine Musik genommen hat.

Sie sind zwischen zwei Kulturen aufgewachsen. Empfinden Sie es als aufregend, an verschiedenen Orten zuhause zu sein?

So ist es. Ich habe immer die Sommerferien in Marokko verbracht und mir dort sechs Wochen lang den Hintern flach gesessen. Es war für mich wie ein zweites Zuhause, weil meine Großeltern dort ein Haus haben. Die Kinder spielen dort anders als hier und sind viel länger draußen. Das mochte ich sehr gerne. Weil die Kinder nicht die schicksten Spielzeuge hatten, haben sie sich einfach ein Spiel ausgedacht – mit Steinen. Ich saß daneben und sie erklärten mir, wie das geht. Während wir in Europa immer auf der Jagd nach der neuesten Barbie waren.

Welche Möglichkeiten haben junge Menschen wie Sie in Marokko?

Diese Frage kann ich nicht fundiert beantworten. Mein Cousin beispielsweise studiert dort. Dadurch gibt es die Möglichkeit, mit einem Visum nach Europa zu kommen, um hier weiterzustudieren. Ich habe den Eindruck, dass viele das nicht nutzen können aus den verschiedensten Gründen.

In welchen Verhältnissen sind Sie in Frankfurt aufgewachsen?

Meine Mutter war allein erziehend. Sie musste jobben. Währenddessen war ich oft bei meiner Oma. Nachdem meine Mutter wieder schwanger geworden war, konnte sie nicht mehr arbeiten und war aufgrund der Kinder auf Geld vom Staat angewiesen. Materiell hatten wir nicht viel, aber Liebe war immer da.

Hatten Sie einen multikulturellen Freundeskreis?

Unser Schulhof sah sehr bunt aus, und wir haben uns untereinander super verstanden. Wir hatten sogar einen eigenen Slang. Mit Wortneuschöpfungen und Abkürzungen. Wir dachten, wir seien super kreativ und kein anderer Mensch würde uns verstehen. Das war im Prinzip wie Rap.

Welche Rolle spielte Ihr Migrationshintergrund in Ihrer Kindheit und Jugend?

Keinen Nennenswerten. Es gab hin und wieder dumme Kinderrangeleien, wo das Wort „Ausländer“ gefallen ist. Oder ein verbitterter alter Mann in unserer Siedlung sagte solche Sachen. Aber den konnte man nicht ernst nehmen. Ich hatte eine tolle Kindheit, auch wenn die Umstände mir manches erschwert haben.

Haben Sie sich zu „Roboterliebe“ von der deutschen Elektronikband Kraftwerk inspirieren lassen?

Nein. Den Song habe ich geschrieben, weil mir aufgefallen ist, wie rasant die Zeit verfliegt und wie sehr alles im Wandel ist. Dauernd gibt es neue Dinge und die Welt ist krass digitalisiert worden. Ich habe noch beide Welten mitbekommen, die analoge und die digitale. Ich habe mit Gameboys gespielt und mit 14 mein erstes Nokia 3210 bekommen. Heute hingegen bekommen Kinder mit 10 ihr erstes iPhone. Anstatt raus zu gehen, treffen sie sich in Gameportalen, um miteinander zu reden und zu spielen. Ein totales Kontrastpaket! Dadurch geht das Zwischenmenschliche verloren.

Ihre Lieder drehen sich oft um Zwischenmenschliches. „Hände“ zum Beispiel haben Sie Ihrer Großmutter gewidmet. Was bedeutet sie Ihnen?

Meine Großmutter bedeutet mir sehr viel, weil ich teils bei ihr aufgewachsen bin. Sie hat viel auf mich aufgepasst in der Zeit, als meine Mutter arbeiten musste. Meine Großmutter ist das stille Familienoberhaupt. Sie ist sehr weise und war immer ein Vorbild für mich. Man hörte von ihr nie ein schlechtes Wort. Immer wenn ich Quatsch gemacht habe, sagte meine Großmutter eine Zeile auf amazighisch zu mir. Es klang, als würde sie mich auf’s Übelste verfluchen. Bis ich dann irgendwann meine Mutter nach der Bedeutung fragte.

Und: Was bedeutete es wortwörtlich?

„Möge Gott dir Reichtum schenken!“ Selbst im Zustand der Wut hat sie also noch etwas Gutes zu mir gesagt. Sie war davon überzeugt, wenn Eltern oder Großeltern die Kinder verfluchen, dann wird der Fluch wahr.

Waren Sie schon als junges Mädchen sehr selbstbewusst?

Ich war nicht wirklich laut, aber wenn man mich herausgefordert hat, habe ich mir auch von Jungs nichts gefallen lassen. Das hat mir bei ihnen Respekt verschafft und ich war eines von den Mädchen, die mit ihnen abhängen durften. Alle anderen Mädchen waren für die Jungs „bäh“.

Gab es viele rappende Jungs in Ihrem Bekanntenkreis?

Es gab ein paar, die Rap interessant fanden, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass sonst noch jemand aus meiner Schule Musik gemacht hat.

Haben Sie mit 14 angefangen zu rappen, weil Sie Jungs imponieren wollten?

Nein, einfach, weil ich es toll fand. Ich fand es total cool, wie man auf einen Takt rappt. Deine Stimme wird ja für einen Groove benutzt. Vor Rap gab es immer nur Gesang. In Amerika gingen Leute auf die Straße und sagten, was ihnen auf der Zunge lag. Das fand ich unheimlich stark und wollte es für mich nutzen und Sachen sagen, die mir auf der Seele brennen.

Fragt man Männer nach den Gründen, weshalb sie Musik machen, bekommt man häufig zur Antwort: um Frauen zu beeindrucken.

Ich nehme an, dass das bei Männern ein positiver Nebeneffekt ist. Ich glaube, tief im Innersten kann man nur guten Rap machen, wenn man genau deswegen Rap macht, wofür er grundsätzlich steht: nämlich rauszugehen und für etwas einzustehen. Eine Haltung zu haben, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt. Und dadurch auch zu polarisieren. Rap ist unangenehm, weil er auch unschöne Dinge anspricht.

NDR 2 Soundcheck: 15 Künstler an 3 Tagen

Im Rahmen des NDR 2 Soundcheck Neue Musik Festivals kommen von Donnerstag, 13. September, bis Sonnabend, 15. September, 15 namhafte Musiker und Bands nach Göttingen. Alma, Hugo Helmig, Jeremy Loops, Lauv, LEA, Namika, Nico Santos, The Night Game, Tom Gregory und Tom Walker treten in der Stadthalle, im JT und im DT auf. Außerdem sind Bosse, Joris, Lotte, Revolverheld und Tonbandgerät beim großen Finale in der Lokhalle zu erleben. Wer nicht live dabei sein kann, findet die Konzerte bei NDR 2 im Livestream.

Apropos Polarisierung: Auf Ihrem Album findet sich ein Duett mit dem deutsch-marokkanischen Rapper Farid Bang. Ihm wird offener Rassismus, Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit vorgeworfen. Wie denken Sie über die Diskussion, die die Vergabe des Echo-Preises an ihn und Kollegah ausgelöst hat?

Ich habe nur die Schlagzeilen gelesen und habe dazu keine fundierte Meinung.

Zwischen Ihnen und Farid Bang liegen gefühlt Welten. Was verbindet Sie mit ihm?

Die Musik verbindet uns. Wir kennen uns schon etwas länger und haben uns vor einem Jahr zufällig in Düsseldorf getroffen. Ich habe ihm dort den Song „Hände“ vorgespielt. Er hat darauf reagiert wie ich es nicht von ihm erwartet hätte. Als er sich den Song anhörte, war er mucksmäuschenstill und dann drehte er sich zu mir um und sagte: „Weißt du eigentlich, dass wir das selbe Schicksal haben? - ich bin auch ohne Vater aufgewachsen und meine Großmutter hat mich mit großgezogen.“ Das hat mich so sehr berührt, dass ich ihn einlud, auch eine Strophe für seine Großmutter zu schreiben. Ich finde, es ist ihm sehr gelungen, seine gute Seite zu zeigen und seine Oma zu würdigen, die eben auch eine Frau ist.

Kochen Macho-Rapper auch nur mit Wasser?

So sieht es aus! Rap ist schon immer großspurig gewesen. Der Zeitgeist von Rap lautet: Du kommst von ganz unten und hast nichts. Und wenn du dann doch etwas erreicht hast, dann willst du auch zeigen, dass du es geschafft hast. Und zur Großspurigkeit im Sinne von Farid Bang: Ich finde, er ist zusammen mit Kollegah einer der größten Battle-Rap-Künstler in Deutschland. Sie haben dieses Metier sehr gut im Griff. Die Vergleiche und Punchlines sind Elemente aus dem Hip-Hop, die die beiden sehr gut beherrschen. Der Inhalt, den sie damit füllen, ist diskutierbar. Wenn ich die Zeit gefunden habe, mich mit dem Echo und den Dingen drumherum zu beschäftigen, werde ich sicher auf Sachen stoßen, die ich vermutlich auch geschmacklos finde und die zu weit gehen.

Warum machen Sie keinen Battle-Rap?

Weil ich mich dafür entschieden habe, Musik zu machen, die aus meinem Leben kommt. Meine Songs spiegeln Momentaufnahmen wider. Für mich hat Musik automatisch Tiefe, weil sie mir immer Stärke gegeben hat. Sie hat mir herausgeholfen aus Phasen, in denen es mir nicht gut ging. Wenn ich Liebeskummer habe, mache ich ein klassisches schmalziges Liebeslied, um mich dann noch schlechter zu fühlen. Es hilft, kurz mal zu weinen, um wieder klar zu kommen. Im nächsten Moment mache ich einen Song, der vollkommen nach vorne geht. Diese Arten von Emotionen möchte ich aus mir selbst herausholen und an andere weitergeben.

Wie kam es zu dem Song „Dschungel im Kopf“?

„Dschungel im Kopf“ beschreibt meine Innenperspektive. Manchmal ist es in meinem Kopf ganz schön wild – wie in einem Dschungel. Das Leben besteht zu 80 Prozent aus Reflektieren. Ich meine für die Leute, die reflektieren.

Zu Gewinnen: Karten für Abschlusskonzert

Das Tageblatt verlost fünfmal zwei Karten für das Abschlusskonzert des NDR 2 Soundcheck-Festivals am Sonnabend, 15. September in der Lokhalle. Wer gewinnen möchte, sollte am 8. und 9. September, 8 bis 22 Uhr, unter Telefon 0137/8600273 anrufen, Namen, Anschrift und Telefonnummer hinterlassen und das Stichwort „Abschlusskonzert“ auf Band sprechen. (0,50 Euro pro Anruf aus dem deutschen Festnetz, Preise aus dem Mobilfunknetz können abweichen). Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner werden benachrichtigt.

Von Olaf Neumann

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