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Regional Indische Langhalslaute trifft Klassik und Jazz
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00:16 29.08.2017
Will östliche Melodien und westliche Harmonien verbinden: Musiker Chitravina N. Ravikiran. Quelle: r
Göttingen

Unter den Porträts von Welfen-Herrschern saß Ravikiran beim Auftaktkonzert des Melharmony-Festivals barfuß auf einem, mit einem weißen Tuch bedeckten Podest. Vor dem Musiker lag waagerecht die flache Langhalslaute, für die er selbst einen elektronischen Tonabnehmer entwickelt hat. Mit Metallstiften an den Fingern der rechten Hand spielte Ravikiran vor 300 Zuhörern auf den 21 Saiten. Über sie ließ er mit der linken Hand – wie bei einer Hawaiigitarre – einen kleinen Stab gleiten und verkürzte sie so. Unter seinen fließenden Bewegungen verschwammen die Töne in der für die indische Musik charakteristischen Weise.

Rechts und links des Musikers saßen zwei junge Perkussionisten auf dem Boden. Sie entlockten ihren Instrumenten komplizierte Rhythmen. Chidambaram Narayanan hatte die Röhrentrommel Mridangam auf seinen Beinen liegen. Umashankar Vinayakram spielte auf einer Ghatam, einem gebrannten Tongefäß. Ekstatisch ging er mit der Musik mit, ließ seine langen, schwarzen Locken durch die Luft fliegen. Das Ensemble brachte zunächst klassische südindische Musik, darunter ein Werk des Komponisten Kakarla Tyagaraja (1767-1847) zu Gehör.

Auch das Streichquintett des Göttinger Kammerorchesters unter Leitung von Johann-Sebastian Sommer, das mit drei Geigen, einen Violoncello und einem Kontrabass vertreten war, hatte zunächst einen Soloauftritt. Zwei fröhliche Werke von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) gab es zu hören: die drei Sätze des Divertimentos in D-Dur, KV 136, Allegro, Andante und Allegro di molto, sowie den letzten Satz, ein Presto, aus dem Divertimento in F, KV 138. Sommer wollte ursprünglich Benjamin Britten (1913-1976) spielen. Die Veranstalter, die Sponsoren suchen, konnten aber aufgrund begrenzter Mittel die für Britten-Werke zu zahlenden Gema-Gebühren nicht aufbringen.

Publikum und Musiker des Auftaktkonzertes des 1. Göttinger Melharmony-Festivals in der Aula am Wilhelmsplatz. Quelle: Hinzmann

Das Duo „Eurojazz“ mit dem Münsteraner Jürgen Bleibel am Klavier und dem Oldenburger Raimund Moritz am Saxophon hatte für ihren Solopart Bill Dobbins’ (geboren 1947) dreisätzige „Sonate für Saxophon und Piano“ ausgewählt. „Bei ihr verwischen die Grenzen zwischen Jazz und westlicher Klassik“, erklärte Bleibel.

Milchshake statt Obstsalat

Im zweiten Teil des Abends, eine Pause gab es nicht, verschmolzen dann die Stile. Ravikiran, der auch Komponist ist, will westliche und östliche Musik zusammenführen, will „einen Milchshake, keinen Obstsalat“. Melharmony nennt er seinen Ansatz, bei dem er indische Melodien mit in seiner Tradition unbekannten westlichen Harmonien verbindet.

Konzert in der Aula am Wilhelmsplatz
Das Streichquintett des Göttinger Kammerorchesters. Quelle: Hinzmann

Dabei verfolgt der Künstler ein höheres Ziel. Die Musik soll Menschen über kulturelle Grenzen hinweg zusammenbringen. Die großen globalen Probleme, wie etwa der Klimawandel, ließen sich nur gemeinsam lösen, betonte Ravikiran unter Applaus. Dieser Aspekt hatte die in Göttingen lebende Inderin Uma Brander veranlasst, das Festival zu initiieren. Die Universität motivierte das, die Aula zur Verfügung zu stellen. Auch Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) und der aus Hamburg angereiste indische Generalkonsul Madan Lal Raigar fühlten sich angesprochen. Sie waren beim Auftaktkonzert des Festivals mit dabei und sprachen Grußworte.

Mitreißender Roter Schwan

Ravikiran, der mehr als 700 Stücke komponiert hat, führte zunächst mit dem Quintett drei seiner Werke auf: „Swagat home“, die auf dem Raga Mohanam basiert, „Not I“ (auf dem Raga Nattai) und „Kalimahale“ (auf dem Raga Hindolam). Die fremden Rhythmen forderten das Quintett, das nur einen Tag lang gemeinsam mit dem Chitravina-Musiker geprobt hatte. Danach traten Ravikiran und seine Perkussionisten mit Eurojazz auf. Moritz tauschte sein Tenor- gegen ein Sopran-Saxophon. Vor allem für Ravikirans mitreißende Komposition „Red Swan“ gab es kräftigen Applaus.

Östliche Melodien, westliche Harmonien

Wege zu neuen Horizonten wollen die Organisatoren des Weltmusik- und Tanzfestivals Melharmony beschreiten. Bis Sonntag, 27. August, präsentieren sie ein Programm, in dessen Zentrum Melharmony steht, eine Verbindung von östlichen Melodien und westlichen Harmonien.

Am Sonnabend stehen um 18.30 Uhr Konzerte in der Marienkirche, Neustadt, von den Carnatica Brothers mit dem Jazz-Trio 4.0 sowie im Alten Rathaus mit dem Klezmer-Projekt-Orchester unter der Leitung von Wieland Ulrichs auf dem Programm. Am Sonntag steht ab 15 Uhr in der Waldorfschule, Arbecksweg, der Tanz mit Smitha Madav und Deodatt Persaud im Mittelpunkt. Eine westliche Tanzaufführung kommt von Ulrike Grell. Den zweiten Teil der Veranstaltung bildet das Konzert „Faszination Bajan“ mit Viktor Romanko, einem Virtuosen des Knopfakkordeons.

Das Abschlusskonzert des Festivals beginnt am Sonntag um 17 Uhr im Tagungshaus Alte Mensa der Universität Göttingen, Wilhelmsplatz 3. Ravikiran tritt mit dem Göttinger Jugendsymphonieorchester unter der Leitung von Daniel Eismann auf.

Von Michael Caspar

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