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Antje Thoms inszeniert „1984“

Premiere im Deutschen Theater Göttingen Antje Thoms inszeniert „1984“

1948 hat George Orwell seinen Roman „1984“ geschrieben, der Entwurf einer diktatorischen Welt, in der Big Brother alles überwacht und Rebellen dagegen kämpfen. Antje Thoms hat eine Bühnenfassung in der Tiefgarage des Deutschen Theaters Göttingen inszeniert. Die Premiere am Sonnabend wurde gefeiert.

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Heimliche Liebe und Rebellion: Julia (Felicitas Madl) und Winston (Roman Majewski).

Quelle: R

Göttingen. Es ist nicht ganz leicht, in die Unterwelt zu gelangen. An der Einfahrt zur Tiefgarage raunt eine bleiche Gestalt von dem diktatorischen Staat und der geheimen Bruderschaft der Rebellen. Er flüstert es dem ihm zugeteilten Besucher direkt ins Ohr. Dann muss der Theatergast sich die Augen verbinden und einen Kopfhörer auf die Ohren setzen. Jeweils ein Führer geleitet dann einen ihm zugeteilten Vorstellungsgast in die grausame Welt von „1984“. Man muss viel Vertrauen mitbringen, um sich so vorbehaltlos auszuliefern.

Wer früh kommt, wartet 20 Minuten im Dunkeln unter der Schlafbrille. Aus dem Kopfhörer dringen Gespräche. Ein Hörspiel. Ein eigenwilliger Beginn, denn selten verfügt eine Theaterproduktion über ein derart dominantes Bühnenbild, wie es Florian Barth für „1994“ entworfen hat. In den kahlen Parkraum hat er eine Vielzahl von Zimmern gebaut. Einzeln werden die Besucher in unterschiedlichen Rhythmen in eine Gefängniszelle geführt, in der sich ein blutig geschlagener Gefangener angstvoll auf einer Pritsche krümmt. In der Kantine erzählt ein Esser im Blaumann seinen Kollegen von den ausgeprägten Denunziantenfähigkeiten seines Kindes im Grundschulalter. Dann zelebriert er beängstigend zwei Minuten Hass, wie es ihm eine Frau auf dem dauerpräsentien Bildschirm befohlen hat. Ein Pärchen trifft sich heimlich in einem Hotelzimmer, ein anderes Mal in einem alten VW-Käfer. In einem Büro gibt sich ein Führungskader als Rebell aus, in einem Kabuff wird mit Ratten gefoltert. Wäsche wird hier auf die Leine gehängt, nicht weit entfernt passiert irgendetwas mit viel Badeschaum.

Barth hat einen Multimedialen Erlebnisraum der düsteren Sorte geschaffen, den jeder einzelne Besucher ganz individuell erlebt, mal voyeuristisch von außen, dann wieder zum Anfassen dicht dran, ganz weit weg über Monitore oder nur akustisch über die Kopfhörer. Unklar bleibt, ob jeder jeden Raum erlebt, klar ist am Ende: Jeder hat seine ganz eigene Vorstellung erlebt. Bedrohlich, berührend, beängstigend und phänomenal.

Wir erleben die Geschichte Winston (Roman Majewski), der als Angestellter des herrschenden Regimes Geschichte fälscht bis er ins Grübeln gerät. Winston trifft Julia, in der er sich verliebt, eine Rebellin. Beide werden enttarnt und gefangen genommen. Winston wird einer Gehirnwäsche unterzogen. Ganz am Ende gerät er an den Folterer O´rian, einem eiskalten Mitglied des diktatorischen Führungszirkels. verlangt nicht weniger als das Leugnen jedweder Wahrheit. Zwei mal zwei ist vier? Dann werden eben die Zähne herausgebrochen.

O’Brian und seinesgleichen klittern Geschichte und verleugnen einfachste Wahrheiten. Sie produzieren Fake News, sie lügen und betrügen. Nicht umsonst wurde das Buch „1984“ Jahrzehnte nach seinem Erscheinen zum Kassenschlager in den USA – nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA. George Orwell schildert eine grausame Welt, die das Team um Regisseurin Thoms, Fred Kerkmann, der das Theatererlebnis mit einer beeindruckenden Soundwelt vervollständigt hat, und nicht zuletzt Bühnenbilder Barth in der DT-Tiefgarage erlebbar macht. Ein sehr nachhaltiges und umfassendes Theater wie es intensiver und vollständiger kaum zu erleben ist, ein ganz großer Wurf.

Bis zum Sonntag, 10. September stehen 22 weiterer Vorstellungen auf dem Spielplan des Deutschen Theaters Göttingen, Theaterplatz 11. Allerdings waren schon vor der Premiere alle Vorstellungen bereits ausverkauft. Wenige Restkarten seien für die Abendkasse zurückgehalten worden, heißt es aus dem Theater. Informationen gibt es an der Kasse unter 05 51 / 49 69 11.

Von Peter Krüger-Lenz

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