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Regional Sänger Andreas Schaerer beim Jazzfest
Nachrichten Kultur Regional Sänger Andreas Schaerer beim Jazzfest
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15:40 22.09.2017
Andreas Schaerer kommt mit der Band „A Novel of Anomaly“ zum Göttinger Jazzfestival im November. Quelle: r
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Göttingen

Im Tageblatt-Interview spricht er über seine Stimme, seine Heimat und sein neues Quartett.

Tageblatt: Braucht man als Sänger mehr Mut als ein Instrumentalist. Die Stimme ist so persönlich, gibt so viel vom Sänger preis?

Schaerer: Ja, die Stimme transportiert Dinge, die man manchmal gar nicht will: ein leichtes Vibrato verrät, dass ich aufgeregt bin – bei leisen Tönen kann man sogar den Herzschlag über das Zwerchfell hören. Doch ich habe entschieden, dies zu zulassen. Ich möchte mich nicht verstecken und keine falschen Erwartungen von meinem Gesang haben.

Jeder Auftritt wird so noch einmaliger...

...und ehrlicher.

Woher nehmen Sie all die Energie, die Sie in ihrer Musik an die Zuhörer weitergeben?

Durch die Musik selber! Sie lädt mich auf. Oft bin ich vor einem Konzert sehr müde – vielleicht weil mein Körper gelernt, hat, dass er auf der Bühne viel Energie braucht. Aber wenn ich den ersten Ton auf der Bühne höre, ist das wie eine extra Tankladung einer Batterie. Hinzu kommt das Wechselspiel mit der Energie des Publikums.

Hat Singen für Sie auch etwas Archaisches?

Es gibt in Konzerten immer wieder Situationen wo ich spüre, mit einer archaischen Urkraft in Verbindung zu kommen – wie fremdgesteuert. Dann spiele ich nicht mehr die Musik, sondern werde durch die Musik gespielt. Das ist ein unglaublich schönes Gefühl.

Sie sind in der Schweiz mit viel Natur aufgewachsen. Haben die Stille oder die Töne aus der Natur Einfluss auf Ihre Musik?

Ich komponiere gerade viel. Wenn draußen Lärm ist, kann sich eine Komposition in eine andere Richtung entwickeln als wenn Stille herrscht. Die Natur ist friedlich, es bleibt mehr Raum offen, um die Fantasie und Kreativität fließen zu lassen. Aber ich brauche auch destruktive Energie, die mich herausfordert und an der ich mich reiben kann.

Ihr Gesang hat so viele Klangfarben. Ist das Modulieren der Stimme ein besonderer Reiz für Sie?

Ich habe daran gearbeitet, dass meine Stimme integrierend wirken kann. Ich muss als Sänger in einem Ensemble nicht der Frontmann sein. Heute verstehe ich die Stimme als Knotenpunkt: Sie kann gemeinsam erklingen mit Bläsern oder Perkussionisten, sie kann Harmonie und Rhythmus mit gestalten. Diese Ebenen sind fließend. Worte werden zu Rhythmus und Rhythmus wird zu Perkussion. Sprache wird zu Melodie und Teil des Ensembles. Die Stimme ist sehr flexibel und kann sehr intuitiv agieren.

Üben Sie anders als ein klassischer Sänger?

Jein! In meinem Studium habe ich auch drei Jahre klassischen Gesang studiert. Ich übe zum Teil genau das was die klassischen Sänger üben, um meine Stimme zu stärken. Ich mache aber auch rhythmische Übungen und arbeite an Zungentechniken.

Lassen Sie uns über Ihr neues Quartett sprechen. Wie kam es zu „A Novel of Anomaly“?

Mit dem Schlagzeuger Lucas Niggli arbeite ich seit 4 Jahren als Duo zusammen. Wir haben das schöne Problem, dass wir uns stilistisch nicht entscheiden können zwischen einer wilden, aggressiven Richtung und einer fragilen, leisen Stimmung. Wir wollten die Extreme ausloten. So haben wir den italienischen Akkordeonisten Luciano Biondini eingeladen, der mit so viel Gefühl spielt. Mit ihm wollten wir in die emotionale und zarte Richtung gehen. Mit dem E-Gitarristen Kalle Kalima wollten wir in eine wilde elektronische Richtung gehen. Wir hatten erst an zwei Trios gedacht.

Dann ist es doch ein Quartett geworden.

Wir wollten bei der ersten Probe im Trio erst mit Luciano proben. Doch Kalle kam zu früh. Alle vier Musiker fingen an ihre Instrumente einzurichten, zu stimmen und plötzlich spielten wir drei Stunden lang als Quartett ohne Pause. Danach waren wir wie verzaubert und es war klar, dass wir ein Quartett sind.

Welches Konzept steckt hinter der Band?

Es ist ein Kollektiv, es gibt keinen Leiter. Es gibt vier gleichberechtigte Musiker. Alle haben komponiert. Jeder übernimmt Verantwortung.

Wie kam es zu dem poetischen Namen der Band?

Es ist außergewöhnlich, dass sich vier solch „verwandte“ Seelen in der Musik treffen – das ist „anomal“. Der Name ist ist ins sich ein schönes, sanft groovendes Wortspiel. Es ist eine Erzählung über das Anormale.

Müssen Sie als Sänger besonders auf Ihre Gesundheit achten? Jede Erkältung setzt Sie doch außer Gefecht.

Ich muss auf mich aufpassen. Wenn ich im Flugzeug fliege, habe ich einen Schal dabei. Ich trinke zwei bis drei Liter Wasser jeden Tag, um mein Instrument flexibel zu halten. Auch Schlaf ist wichtig. Bei dichtem Tourneeplan mit weiten Reisen muss ich besonders aufpassen

Hören Sie als Sänger gerne andere Sänger?

Ich höre gerne andere Sänger – experimentellen Pop wie Radiohead oder James Blake. Auch klassischen Gesang mag ich gerne. Dagegen höre ich eher weniger aktuellen Mainstream-Jazzgesang – hier spricht mich vieles nicht so an. Ich mag die Originale wie Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan oder Shirley Horn. Bei zeitgenössischem Jazzgesang stehe ich eher auf die experimentelleren Vokalisten.

40. Göttinger Jazzfestival

Mehr als 200 internationale, nationale und lokale Musiker werden beim 40. Göttinger Jazzfestival vom 2. bis 11. November in zahlreichen Einzelveranstaltungen und Konzerten die Vielseitigkeit und Aktualität des Jazz präsentieren. Neben den Auftritten am Festivalwochenende 10. und 11. November im Deutschen Theater, wo traditionell die drei Bühnen Großes Haus, Studio und Keller bespielt werden, rahmen zahlreiche Veranstaltungen in der Woche davor das Programm ein. Als Spielstätten dienen nicht nur das Alte Rathaus, das Apex, die Musa oder das Lumière, auch in der Johannis-Kirche und bei KIM-Kultur in der Angerstraße wird gejazzt werden. Erstmals konnten als Spielstätten das Asklepios Fachklinikum sowie der „Esel“ in Einbeck-Sülbeck gewonnen werden. Weitere Informationen unter www.jazzfestival-goettingen.de. Eintrittskarten für die Veranstaltungen gibt es in den Tageblatt-Geschäftsstellen, Weender Straße 44 in Göttingen und Marktstraße 9 in Duderstadt, sowie unter tickets.goettinger-tageblatt.de.

Von Udo Hinz

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