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93 Filmminuten, 93 Texte, eine Collage, ein Film

Projektschau im Literarischen Zentrum 93 Filmminuten, 93 Texte, eine Collage, ein Film

Ein bemerkenswertes Projekt haben Kritiker Michael Baute und Medienwissenschaftler Volker Pantenburg am Montag den Gästen im gut besuchten Literarischen Zentrum präsentiert. In ihrer „Minutentexte“-Filmcollage haben Texte laufen gelernt.

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Initiatoren der "Minutentexte": Volker Pantenburg und Michael Baute.

Begonnen hat alles im Jahr 2006 als Baute und Pantenburg für ihre „Minutentexte“ 93 Filmschaffende, Kulturwissenschaftler, Künstler und Cineasten einluden, Texte zu den 93 Filmminuten des Film-Noir-Schauermärchens von Charles Laugthon zu verfassen. Die Auswahl war damals vor allem von Bautes und Pantenburgs Neugierde bestimmt, wie Leute mit dieser Aufgabe umgehen würden. Mit Beiträgen von Filmwissenschaftler Thomas Elsaesser, Filmemacher Harun Farocki, Regisseur Christian Petzold oder Filmkritiker Diedrich Diederichsen entstand dann eine von Publikum und Presse umjubelte vielschichtige Auseinandersetzung mit einem Film, der bei seinem Erscheinen 1955 keinen großen kommerziellen Erfolg hatte.

2009 setzten Baute und Pantenburg dann die vielfältigen Beiträge über die Geschichte des mordenden Wanderpredigers Harry Powell zu einem 66-minütigen Hörspiel zusammen. Die Filmcollage stellt nun die letzte Stufe ihrer interdisziplinären Auseinandersetzung mit diesem Stück Filmgeschichte dar. Herausgekommen ist eine Komposition, die Kommentar, Analyse, Beschreibung und Kunstwerk zugleich ist. Und Kinogänger und Fachleute daher auch gleichermaßen anspricht.

Der Film wurde für den Zusammenschnitt auf wesentliche Sequenzen reduziert, die teilweise im Zeitraffer auch viel langsamer als im Original wiedergegeben werden, wodurch sich die Wirkung einzelner Szenen noch mehr entfalten kann. Mit von den Schauspielern Bettina Engelhardt, Susana Fernandes Genebra oder Felix von Manteuffel und Felix Rech gesprochenen Minutentexten, Songs und anderen Audio-Materialien unterlegt, werden filmische Handlung präsentiert und einzelne Charaktere näher beschrieben: Der bigotte Wanderprediger Powell, der sich als Gefängnispriester ausgibt und nach dem Geld der Familie Harper her ist. Die Kinder John und Pearl Harper, die als einzige wissen, wo dieses versteckt ist und dadurch zu Powells Opfern werden. Oder Lillian Gish, die als Mrs. Cooper zur Ziehmutter der durch Powell zu Waisen gewordenen Kinder wird.

Parallel dazu wird auf Kommentar- und Analyseebene auf filmhistorische Besonderheiten von „The Night of the Hunter“ eingegangen. Etwa die vielfältigen stilistischen Reminiszenzen an den expressionistischen Film Friedrich Wilhelm Murnaus und Robert Wienes oder mit Gishs Charakterisierung auf die goldene Ära weiblicher Stummfilmstars. Die erläuternden Anmerkungen der anwesenden Filmemacher Baute und Pantenburg stellten dann noch eine weitere Kommentarebene an diesem sehr informativen Abend dar, dem aber sicher auch eine zeitliche Straffung – etwa auf 93 Minuten – sehr gut getan hätte.

Von Karoline Jirikowski-Winter

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