Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 3 ° Regenschauer

Navigation:
Abschiedstournee von Gregorian

Kultur / Konzert in Göttinger Lokhalle Abschiedstournee von Gregorian

Musikproduzent Frank Peterson  lässt Pop- und Rocksongs mit gregorianischem Gesang verschmelzen. Unter dem Projektnamen Gregorian sind bis heute 15 Alben erschienen. Die singenden „Mönche“ von Gregorian sind auf Abschiedstournee. Am Dienstag, 17. Januar,treten sie in der Lokhalle Göttingen auf.

Voriger Artikel
Trompetenklänge vom Botschafter
Nächster Artikel
Sperl-Galopp und Radetzky-Marsch
Quelle: r

Herr Peterson, „Master Of Chant X: The Final Chapter“ ist das letzte Album dieser außergewöhnlichen Formation. Warum hören Sie jetzt auf?
Peterson: Das hat ganz viele Gründe. Einer ist die wirtschaftliche Entwicklung. Selbst mit einem Top-Ten-Album kann man heute kaum noch die Produktionskosten einspielen. Außerdem machen wir das schon seit 16 Jahren und müssen einfach mal kürzer treten. Wir nehmen jetzt noch am deutschen Vorentscheid zum Grand Prix teil und gehen dann auf Tournee. Wann und wie es mit Gregorian danach weitergeht, weiß ich im Moment nicht. Ich möchte mich in Zukunft um andere Projekte kümmern.

 

Was ist das Deutsche an diesem internationalen Chor?
Dass die Musik in Deutschland produziert wurde und dass ein Deutscher die Idee dazu hatte. Ansonsten ist es ein internationales Projekt. Ich lebe nicht nur in Deutschland, Musik hat für mich keine Grenzen. Der Gregorianische Gesang kommt ursprünglich aus dem Vatikan unter Papst Gregor, wobei anfangs auf Lateinisch gesungen wurde. Und wir übertragen die Gregorianik auf Popsongs. Vielleicht ist es der technische Aspekt, dass dies eher europäisch oder deutsch klingt als amerikanisch oder asiatisch. Unsere Musik könnte ich sicher auch in Frankreich, Italien oder England produzieren. Unser erstes Projekt mit Gregorianik hieß Enigma, es wurde in Spanien produziert und kam unter Pseudonym raus. Schon damals dachten wir, dass niemand drauf kommen würde, woher diese Musik stammt. Das ist auch gar nicht wichtig. Hauptsache, es gefällt.

 

Ist Ihre Musik eine Auseinandersetzung mit der Gegenwart?
Für mich als Produzent ist Gregorianik nur eine Klangfarbe: ein toller Sänger mit einer ganz eigentümlichen Stimme. Zu dieser Stimme mache ich passende Musik. Ich glaube, Gregorianik gefällt so vielen, weil diese Klangfarbe einzigartig ist. Das Spirituelle und Mystische gepaart mit modernen Popsongs ist ein Reizauslöser. Nicht jeder Sänger kann das singen, man braucht dafür eine ausgebildete Stimme, die Höhen lange halten kann, ohne ins Vibrato zu rutschen. Gleichzeitig wollten wir Leute haben, die sich mit Popmusik auskennen. Anfangs arbeiteten wir in London versuchsweise mit einem Monteverdi-Chor, diese Sänger wussten aber noch nicht einmal, wer Eric Clapton ist. Sie verstanden gar nicht, was ich da vor habe. Die Sänger, mit denen wir heute arbeiten, sind klassisch ausgebildet und haben die ganzen Soundtracks von „Harry Potter“ bis „Herr der Ringe“ eingesungen. Vor allem sind sie auch in der Lage, Popmusik zu interpretieren.

 

Ihr Repertoire enthält Stücke zeitgenössischer Bands wie Metallica, Coldplay, U2 oder Rammstein. Wie reagieren die Originalinterpreten auf Ihre gregorianischen Fassungen?
Ich habe zum Beispiel ein freundschaftliches Verhältnis zu Ritchie Blackmore, vom dem wir zwei Nummern aufgenommen haben. Er fand sie super. Und Toto ließen unsere Fassung als Abspannmusik bei ihren eigenen Konzerten laufen. Die Band Rammstein wollte unsere Version zuerst verbieten lassen, sie dachte, wir hätten ihre Gitarren gesampelt. Das war aber ein Irrtum, unsere Gitarren klangen einfach täuschend echt. Das fanden sie dann in Ordnung.

 

Sehen Sie sich als Komponist?
Nein, eher als Arrangeur oder Adapteur. Wenn es gelingt, aus einem Standardwerk wie „Nothing Else Matters“ eine Version zu machen, die Metallica-Fans erst beim Refrain wiedererkennen, dann erlebe ich einen Freudentaumel in mir.

 

Das Projekt wirkt auch immer etwas religiös angehaucht. Spielt Religion eine Rolle?
Eigentlich überhaupt nicht. Auf die Idee zu Gregorian kam ich in einem Kloster und die Musik klingt zwar spirituell, aber mit Religion hat sie nichts zu tun. Ich biedere mich auch nicht den Kirchengängern an.

 

Sie sind aber schon vor Papst Benedikt aufgetreten. Wie kam es dazu?
Wir sind auf Einladung der Katholischen Kirche in Israel zu Ehren von Papst Benedikt aufgetreten. Die hätten auch denken können, dass wir uns über sie lustig machen, aber das tun wir gar nicht. Wir nehmen das sehr ernst. Diese Einladung war für mich ein Ritterschlag.

 

Welche Stücke eignen sich besonders für die Gregorianische Tonskala?
Die Gregorianische Tonskala besteht auf dem Keyboard eigentlich nur aus den weißen Tasten, es gibt keine Halbton-, sondern nur Ganztonschritte. Das ist in der Mainstreampopmusik mehr oder weniger auch der Fall. Deswegen eignen sich die meisten Songs für die Gregorianik. Aber wir haben auch schon Stücke mit Halbtonschritten interpretiert, zum Beispiel Elton Johns „Sacrifice“ – und es klang trotzdem gregorianisch. Was zu unserem althergebrachten mystischen Sound allerdings überhaupt nicht passt, sind Texte, in denen Slangwörter vorkommen.

 

Wie kommt Gregorian in China an?
In China ist alles anders. Vor 15 Jahren war ich mit Sarah Brightman erstmals dort, sie war der erste internationale Star, der dort mit einer eigenen Produktion hingegangen ist. Wir hatten eine Tupolew-Maschine gemietet, bei der man mit den Trucks direkt in den Bauch reinfahren konnte. Das chinesische Publikum reagierte zuerst sehr verhalten, aber am Schluss bekamen wir auch dort Standing Ovations. Wir sind mit Gregorian schon in vielen Ländern aufgetreten, von denen man meint, dass die Menschen dort gar keinen Zugang zu dieser Art von Musik haben. Aber sogar in den Philippinen und in Singapur sind wir mit Gold ausgezeichnet worden.

 

Sie haben Gregorian ins Leben gerufen, aber Ihr Name steht nicht in großen Lettern auf den Plakaten. Wieso bleiben Sie stets im Hintergrund?
Ich stehe so gut wie nie auf der Bühne. Entweder lasse ich mich dazu hinreißen, dass ich Interviews gebe oder dass ich hin und wieder mit der Band mitspiele. Ansonsten bin ich bei den Studioaufnahmen dabei und bestimme, wie die Arrangements gemacht werden. Bei den Shows baue ich mir immer dramaturgisch und konzeptionell das zusammen, was ich selber sehen möchte. Ich lasse mich gern unterhalten.

 

Über 10 Millionen verkaufte Alben sowie zahlreiche Gold- und Platinauszeichnungen in 18 Ländern machen Gregorian zu einem der erfolgreichsten deutschen Acts weltweit. Ihr Debüt von 1990 gilt als das weltweit erfolgreichste deutsche Album aller Zeiten. Auf welche Weise hat der Erfolg Ihr Leben bereichert?
Wenn das, was man macht, Menschen gefällt, dann bedeutet das Job-Satisfaction. Ein erfolgreiches Projekt bereichert mein Leben ungemein mehr als eines, das nicht wahrgenommen oder abgelehnt wird. Gregorian ist aber nur ein Teil meines Lebens. Dieses Jahr will ich mich in Amerika, London und hier in Hamburg um Sarah Brightmans nächstes Album und ihre Welttournee kümmern. Darüber hinaus habe ich seit Jahren ein Musical im Kopf, welches ich endlich mal fertig machen möchte. Und ich wünsche mir auch mehr Zeit für meine Tochter, die seit elf Jahren auf der Welt ist.

 

Sie haben auf Ibiza, in München, London, Sydney, Los Angeles und Miami gelebt, aber es zieht Sie immer wieder zurück nach Hamburg. Warum?
Ich finde, Hamburg bietet eine hohe Lebensqualität. Für mich ist es der beste Kompromiss. Miami, wo ich auch viel Zeit verbringe, ist nur oberflächlich schön.

 

Was haben Sie sich für die finale Tour vorgenommen?
Alle Höhepunkte, die wir in den letzten 15 Jahren visuell und musikaisch angeboten haben, komprimieren wir auf eine Show. Dazu kommen noch ein paar Neuerungen.

Interview: Olaf Neumann

Bei earMUSIC ist eine limitierte 2CD-Edition des aktuellen Albums „Masters Of Chant X: The Final Chapter“ erschienen. Das Konzert von Gregorian Live beginnt am Dienstag, 17. Januar, um 20 Uhr in der Lokhalle, Bahnhofsallee 1b, in Göttingen. Eintrittskarten sind erhältlich beim  Göttinger Tageblatt in den Geschäftsstellen in Göttingen, Weender Straße 44, und in Duderstadt, Marktstraße 9 oder unter tickets.goettinger-tageblatt.de

Voriger Artikel
Nächster Artikel
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag