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Hitler als TV-Star: „Er ist wieder da“ im JT Göttingen

Premiere Hitler als TV-Star: „Er ist wieder da“ im JT Göttingen

Mit „Er ist wieder da“ zeigt das Junge Theater (JT) Göttingen derzeit eine Komödie nach dem Roman von Timur Vermes in einer Fassung von Axel Schneider, in der Adolf Hitler im Berlin des 21. Jahrhunderts erwacht - und dort zum gefeierten Fernsehstar wird. Premiere feierte das Stück am Freitag vor ausverkauftem Haus.

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„Er ist wieder da“ im Jungen Theater Göttingen: Adolf Hitler (Agnes Giese) und Jan Reinartz als Kioskbesitzer

Quelle: Dorothea Heise

Göttingen. Adolf Hitler (sensationell: Agnes Giese) hat seine eigene Fernsehsendung. Knapp 70 Jahre war er verschollen, doch nun ist er wieder da und kann wieder seinen Plan verfolgen: Das deutsche Volk auf den rechten Weg bringen, natürlich unter seiner Führung. „Es gibt eine stumme Wut in der Bevölkerung, eine Unzufriedenheit mit den Zuständen, die mich an 1930 erinnert, nur dass es damals noch nicht dieses treffende Wort gab: Politikverdrossenheit - das heißt, dass man ein Volk wie das deutsche nicht unbegrenzt blenden kann. Anders ausgedrückt: Alles in allem ist die Lage für mich hervorragend“, analysiert Hitler das Deutschland des 21. Jahrhunderts, nachdem er sich durch Lektüre der aktuellen Printmedien, der Recherche im „Internetz“ und das Zappen durch die unzähligen Programme des (Privat-)Fernsehens auf den aktuellen Wissensstand gebracht hat. Gut, dass er erstmal bei einem Kioskbesitzer (Jan Reinartz) unterkommen kann, der ihn zufällig aufgelesen hat. Der Kioskbesitzer kann es zunächst gar nicht fassen, auf wen er da trifft. Immer wieder fordert er den „Führer“ auf, doch endlich einmal aus seiner Rolle herauszutreten und zu verraten, wo er diese täuschend echte Hitler-Parodie gelernt hat.

So kommt es, dass der Kioskbesitzer Hitler Frank Sawatzki (Karsten Zinser) vorstellt, der ihn mit zu der Fernsehagentur Flashlight nimmt. Die aalglatten und sensationsgierigen Produzenten Carmen Bellini (Franziska Lather) und Joachim Sensenbrink (Peter Christoph Grünberg) sind ganz begeistert von Hitler, nachdem dieser im Brustton der Überzeugung über den Polenfeldzug im Jahr 1939 referiert. Alle halten seine Performance für „Method Acting“. Das brauche die deutsche Comedylandschaft, deren Niveau durch Mario Barth und Co. doch stark gelitten habe. Alle sind sich einig: Dieser Mann muss ins Fernsehen, und das ist ganz im Sinne Hitlers - weiß er doch, dass nur mit ausgefeilter Propaganda das Volk erreicht werden kann. Einen schalen Beigeschmack hinterlässt er trotzdem bei dem Fernsehteam, denn die Agentur fragt immer wieder, wie er denn nun wirklich heiße und ob es in seiner Biografie fragwürdige Themen gebe, die durch die Medien aufgedeckt werden könnten.

Zunächst fungiert Hitler als Kommentator in der Sendung des türkischen Comedians Ali Wizgür (Jan Reinartz), dessen Quoten laut Agentur besser sein könnten - doch dieser kann sich so gar nicht mit der vermeintlichen „Führer“-Parodie anfreunden. So entscheidet sich Flashlight, Hitler eine eigene Sendung zu geben, denn das Medienecho und die Klickrate auf YouTube ist nach Hitlers erstem Auftritt in Wizgürs Sendung unerwartet hoch. Doch Hitler ruft auch die BILD-Zeitung auf den Plan, die sich sehr für seine Biografie interessiert und schmutzige Geschichten über ihn aufdecken will.

Doch Flashlight und Hitler geben nicht auf. Sie produzieren die „Hitler-Show“, in der neben Gästen auch Vertreter des deutschen Kulturgutes (schreiend komisch: Karsten Zinser, Peter Christoph Grünberg, Katharina Brehl, Franziska Lather, Jan Reinartz, Lisa Schreiber und Eva Sophie Blum als NS - Nürnberger Spatzen) auftreten. Der Showmaster rechnet zudem mit der NPD ab, deren Parteizentrale er besucht und von deren Parteimitgliedern er mehr als enttäuscht ist. Am Ende bekommt die vermeintliche Comedysendung den Grimme-Preis, ungeachtet davon, dass Hitlers Assistentin ihre Arbeit kündigt, weil die Familie ihrer jüdischen Großmutter im des Nationalsozialismus ermordet wurde.

„Er ist wieder da“ ist eine unterhaltsame und gleichsam erschreckende Mediensatire, bei der sich der Zuschauer mehr als einmal dabei ertappt, nicht über sondern mit Adolf Hitler zu lachen. Das Stück in der Inszenierung von Michaela Dicu zeigt ohne erhobenen Zeigefinger auf, wie schnell Demagogen und Hetzer Erfolg haben können - und wie schnell jeder Einzelne dazu beitragen kann. Das JT präsentiert eine sehenswerte Komödie, bei der dem Zuschauer das Lachen im Halse stecken bleibt.

Von Maren Iben

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