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Akkordkaskaden und chromatische Sturzfluten

Silvesterkonzert in St. Johannis Akkordkaskaden und chromatische Sturzfluten

Alte Sagen erzählen von wilden Jägern, die in den „Zwölf Nächten“ zwischen Weihnachten und Dreikönigstag nächtens durch die Lüfte rasen, Wäsche von der Leine reißen oder, viel schlimmer, Menschen fangen und entführen. An solche Wesen musste denken, wer in der Silvesternacht zum nächtlichen Konzert in die Göttinger Johanniskirche gekommen war.

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Hochvirtuoser Organist: Bernd Eberhardt.

Quelle: EL

Kantor Bernd Eberhardt hatte nämlich ins Zentrum seines Jahresabschluss-Konzerts den ersten Mephisto-Walzer von Franz Liszt gestellt.

Dieses teuflisch virtuose Werk gibt es original für Klavier, auch als Orchesterstück. Aber auch die Orgel hat genug Töne und Klangfarben, um dieser gespenstischen Musik gerecht werden zu können. Die jagt in irrwitzigen Läufen und Akkordkaskaden über die Tasten, dass einem schier Hören und Sehen vergeht.

Das ist eine große Herausforderungen für Organisten, die ja echtes Virtuosenfutter nur selten in ihrer ernsten polyphonen Literatur vorgesetzt bekommen. Dass dies für Eberhardt nicht nur harte Arbeit, sondern auch ein großes Vergnügen war, merkte man an allen Ecken und Enden. Temperamentvoll und risikofreudig ließ er sich auf den höllischen Ritt ein, gab gehörig Zunder und schickte seine Finger im Sturmgalopp über die vier Manuale.

Nicht minder eindrucksvoll gestaltete er Liszts Präludium und Fuge über B-A-C-H, mit der er den Abend klanggewaltig ausklingen ließ – mit mächtig aufragenden Themen, chromatischen Sturzfluten und was sonst alles der Klaviertitan Liszt in seinem Orgelstück mit den vier magischen Tonbuchstaben des Leipziger Thomaskantors angestellt hat.

Eingeleitet hatte Eberhardt das Konzert in der vollbesetzten Kirche mit einer Orgeltranskription zweier Sätze aus Vivaldis „Jahreszeiten“, in denen nicht nur Menschen vor Frost mit den Zähnen klappern, sondern auch kleine Vögel ihren lieblichen Gesang erschallen lassen. Das alles kann auch eine Orgel wunderbar zart und filigran nachzeichnen – wenigstens dann, wenn man die Registriermöglichkeiten seines Instruments derart fantasievoll ausschöpft, wie es Eberhardt tat und dabei gern bis an die Grenzen der gegebenen Möglichkeiten vorstieß.

Eine gute Stunde lang verblüffte Eberhardt sein Publikum. Es bedankte sich mit lang anhaltendem Applaus, bevor es sich in die siebte der zwölf Nächte ins Freie wagte. Die wilden Jäger waren wohl musikalisch gebannt.

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