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Akrobatischer Kampf zu leidenschaftlichen Klängen

„Scheherazade“ im Kasseler Opernhaus Akrobatischer Kampf zu leidenschaftlichen Klängen

Wer spannende Geschichten erzählt, ist ein gefragter Gesellschafter. Ja er – oder sie – kann damit Leben retten, das eigene sogar. Das haben uns die „Geschichten aus Tau­sendundeiner Nacht“ gelehrt, mit denen Scheherazade den Sultan Schahrayâr von seinem Plan abbrachte, jeden Tag eine neue Frau zu heiraten und sie am nächsten Morgen zu töten.

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Ausdrucksstärke und Präsenz: Annamari Keskinen, Giacomo Corvaia, Elisabetta Lauro, Alessio Attanasio, Michele Meloni (v.l.).

Quelle: Klinger

Einmal von einer Sklavin betrogen, war er von der Treulosigkeit der Frauen überzeugt – die Faszination der nächtlichen Erzählungen hat ihn nachhaltig von diesen Gedanken abgebracht, so dass er Scheherazade das Leben schenkt.

Um Scheherazade geht es in dem gleichnamigen Tanztheaterstück von Johannes Wieland, das am Sonnabend im Kasseler Opernhaus uraufgeführt wurde. Der Kasseler Tanzdirektor abstrahiert in seiner Choreografie das Geschichtenerzählen: Es stellt vor allem das Verhältnis zwischen Mann und Frau in den Mittelpunkt, wie es die Schauspielerin Beth Griffith als souveräne Lenkerin des Geschehens auf der Bühne verkündet: „Unzählige Endlosgeschichten, die wir ständig erleben und in denen wir auch nicht wissen, wie es weitergeht.“

Einzige Zutaten auf der ansonsten leeren Bühne sind im ersten Teil des Abends zwei elementare Dinge: Wasser und Sand. Hin­ten auf der Bühne rieselt das nasse Element, vorn rechts lädt ein großer Sandhaufen zum Spiel. Das weckt das Kind im Mann, wie die Herren der Compagnie eindrucksvoll im Trippelschritt mit Sandförmchen demonstrieren. Dazu erklingen aus Lautsprechern gesampelte „Scheherazade“-Klänge von Rimski-Korsakow und das Lied „Caravan“ des iranischen Sängers Gholam-Gossein Balan.

Mit dem Auftritt des Staatsorchesters wächst die Spannung im zweiten Teil des Abends enorm – die musikalische ebenso wie die choreografische. Zu den poetisch-leidenschaftlichen Klängen der symphonischen Dichtung Rimski-Korsakows – mit der klanglich betörenden Solovioline von Konzertmeister Razvan Hamzah – entwickelt sich ein stellenweise akrobatischer Geschlechterkampf, der zwischen Soli, einzelnen Paaren und Massenszenen changiert. Der kleine Sandhaufen ist nun zu einem veritablen Berg angewachsen, auf dem Beth Griffith thront und erzählt: „Ich habe viel mehr Lust, hier oben sitzen zu bleiben und heimlich, still und leise alle zu beobachten – wie sie sich abmühen.“

Wobei die Sprünge, Drehungen und Hebefiguren in ihrer scheinbaren Schwerelosigkeit keinerlei Mühen erkennen lassen. Wieland hat die Abfolge seiner Choreografie ausgesprochen geschickt gestaltet, so dass für einzelne Tänzer auch immer wieder Atempausen bleiben. Aus der Fülle der Einzelaktionen seien wenigstens zwei besonders nachhaltige Eindrücke herausgegriffen: Annamari Keskinen und Giacomo Corvaia in ihrem hinreißenden Duett, das Elemente der körperlichen Zuneigung ebenso umfasst wie wildesten Kampf – und Eva Mohn mit ihrer unglaublichen Ausdrucksstärke und Präsenz, die sie auch in den finalen Massenszenen immer wieder zum magnetischen Blickpunkt werden lassen.
Die Musik, von Dirigent Marco Comin mit dramatischem Feuer und viel Sinn für die reiche Klangfarbenpalette Rimski-Korsakows gestaltet, lässt den Spannungsbogen im zweiten Teil des Abends beinahe körperlich spürbar werden. Vielleicht hätten die Buhrufer, die sich in den begeisterten Premierenapplaus mischten, lieber zu Ende erzählte Geschichten erlebt. Doch derlei benötigt diese faszinierende „Scheherazade“ keinesfalls.

Termine: 31. März, 6., 15., 23. April, 1. und 5. Mai um 19.30 Uhr im Staatstheater Kassel, Friedrichsplatz. Karten unter Telefon 0561/1094-222.

Von Michael Schäfer

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