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Am Ende des Krieges die Flucht vor dem Kind

"Die Mittagsfrau" im DT Am Ende des Krieges die Flucht vor dem Kind

„Die Mittagsfrau“ von Julia Franck, 2007 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, ist am Sonnabend im Deutschen Theater in Göttingen uraufgeführt worden – und begeisterte das Publikum.

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Ungeliebt: Die junge Helene (Katharina Heyer, vorne) und ihre Mutter Selma (Angelika Fornell).

Quelle: Winarsch

Wie geht man bei der Adaption eines Romans für das Theater um, wenn die Vorlage nicht gerade nach einer szenischen Umsetzung schreit? Volker Hesse und Winnie Karnofka haben sich des Romans angenommen und erzählen die Geschichte als Erinnerung. Es geht um eine Frau, die ihr Kind nicht liebt und nach den Wirren des zweiten Weltkriegs aussetzt. Und diese Erinnerung ist grell, bunt, manchmal zynisch aber vor allem: sehr bewegend. Nicht immer leicht für den Zuschauer zu durchschauen. Am Ende ergeben die Facetten aber ein Bild, was die Handlungen der Mutter zwar nicht verstehbar, aber verständlicher macht. Und das Ensemble geht vollständig mit auf die Suche nach den Gründen.

Hesse inszeniert die Vorlage in zwei stilistisch sehr unterschiedlichen Teilen: Vor der Pause das sehr bunte aber emotional-unschöne Leben der jungen Helene Würsich mit viel Musik und gewolltem Chaos, danach die stille Depression, die darin mündet, ihr Kind an einem Bahnhof auszusetzen.
Aber zunächst geht es um das Mädchen Helene, herrlich optimistisch von Katharina Heyer dargestellt: Ungeliebt von der jüdischen Mutter, versucht es in Berlin neu zu beginnen und kommt auch dort bei der drogensüchtigen Tante zunächst nicht zu ihrem Glück.

In diesem ersten Teil brilliert Angelika Fornell in ihrer Doppelrolle als depressive Mutter und Tante. Intensiv und die Bühne ausfüllend gibt sie ihren Einstand im Ensemble: mal katzenhaft-schnurrend, mal wild um sich schlagend. Als Mutter unberechenbar, als Tante amüsiersüchtig. Ein echter Gewinn für das Ensemble.

Die Szenen, in denen Helene sich in wilden Partys in Berlin auslebt, sehen nicht nach Spaß aus. Die Musik von Hans Kaul ist schaurig und laut, die Choreografie von Jo Siska aggressiv: Wild hüpft dann das Ensemble auf weißen Krankenhausbetten herum – der Rausch wird sichtbar. Dann lernt Helene Carl Wertheimer kennen, den jüdischen Studenten. Benjamin Berger spielt ihn wunderbar bodenständig, ein Ruhepol in der geladenen Inszenierung. Auch das Spiel von Heyer überzeugt: Zunächst das unbeschwerte Mädchen mit offenen Haaren, nach dem Tod ihres Verlobten, wirkt sie zerzaust, stiller. Zum Ende redet sie fast nicht mehr und spielt die Gebrochenheit der Helene einfach beeindruckend.

Im zweiten Teil verzichtet Hesse größtenteils auf den Einsatz lauter szenischer Mittel und erzählt schnörkellos. Keine Krankenbett-Wirbelei mehr, keine Musik. Vor der Pause hat das Ensemble eine große, fahrbare dunkel bemalte Wand oft zur Seite geschoben, um in der ganzen Bühnentiefe zu spielen. Jetzt rückt die Wand dichter ans Publikum.

Aufgebaut sind wieder weiße Krankenbetten. Diesmal nicht vom Ensemble wild durcheinander geschoben, sondern ordentlich aufgereiht. Helene schiebt als Krankenschwester die weißen, abgenutzten Betten hin und her, verrückt sie zentimeterweise. Eine sinnlose Tätigkeit. Bis ein gewisser Wilhelm in ihr Leben tritt. Andreas Jeßling spielt den Ingenieur mit Nazi-Gesinnung zunächst machohaft bestimmt. Als Wilhelm nach der Hochzeit merkt, dass seine Frau keine Jungfrau mehr ist, verändert er sich: Jähzornig schreit er über die Bühne, poltert, aber macht Helene dennoch ein Kind. Hart, erniedrigend. Helene erträgt es still. Sie wünscht sich ein Mädchen, es wird aber Peter, den sie nach dem Krieg zurücklässt, weil sie ihn nicht lieben kann.

Wie die Buchvorlage klammert Hesse das Stück in Epilog und Prolog: Fast eine Viertelstunde dauert der Anfangsmonolog des alten Peters (intensiv: Gerd Peiser), der die Kriegsjahre beleuchtet. Am Ende setzt sich dann der junge Peter neben ihn. Beide im Seemannskostüm, einen Koffer umklammernd. Und beide mit der Frage nach dem Warum. Eine Reise durch Erinnerungen geht zu Ende. Eine bemerkenswerte Inszenierung.

Weitere Aufführungen: 18. Oktober, 22. Oktober, 26. Oktober um 19.45 Uhr im Großen Saal des Deutschen Theaters, Theaterplatz 11 in Göttingen. Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11.

Von Florian Heinz

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