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„An Deck ist alles gut“

Wladimir Kaminer begeistert die Göttinger „An Deck ist alles gut“

Er ist ein Publikumsmagnet: Für Wladimir Kaminer ist es ein Leichtes die Aula der Göttinger Universität zu füllen. Der 1967 in Moskau geborene Schriftsteller widmete sich in roter, geradezu russendiskohafter Beleuchtung in seiner Lesung am Freitag vor allem seinen Familienmitgliedern, allen voran seiner gerade 85 jährigen Mutter. 

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Quelle: Bänsch

Göttingen. So lautet auch der Titel seines neuesten Erzählbandes „Meine Mutter, ihre Katze und der Staubsauger“.

Dass Kaminer ein Familienmensch ist und Traditionen pflegt, wenn auch eigenartige, zeigt sich eindrücklich dadurch, dass der mit seiner Familie in Berlin lebende Autor seit 1998 jede Woche mit seiner Mutter in dasselbe Schwimmbad geht, wo seine Mutter dann mehr auf der Stelle verharrt, als sich schwimmend zu bewegen: „Selbst freischwimmende Gegenstände sind schneller als meine Mutter“. In ihrem Englisch-Volkshochschulkurs legt die Mutter ein damit vergleichbares Tempo an den Tag. Nach 23 Jahren könnten ihre Enkel immer noch keinen Satz Englisch mit ihr reden, und nun gehe die Lehrerin ohnehin in Rente. Bewegung heißt bei Kaminers Mutter lediglich, dass sie dem russisch sprechenden Staubsauger und ihrer riesigen, von Kaminer gefürchteten Katze im Schritttempo durch die Wohnung folgt. 

 Wie es ist verfolgt zu sein, habe er unlängst auf der AIDA erfahren, denn da gingen die Zuhörer eben nicht nach Hause, erzählt Kaminer, der eigentlich keinen Text braucht angesichts seines immensen Fundus' an Geschichten, die fließend ineinander übergehen, und die er sympathisch und enthusiastisch mit seinem charakteristischen Akzent vorträgt. Herrlich überzogen und satirisch berichtet er von der heutigen allgemeinen Realitätsflucht auf das Deck eines Luxusdampfers, der „atemlos durch die Nacht“ schippert. Keiner wolle das Elend auf dem Festland sehen. Mit „an Deck ist alles gut und Stößchen“, versuche man den europäischen Problemen und menschlichen Tragödien zu entgehen. 

 Überhaupt geht es sehr politisch zu an diesem Abend. Kaminers von den Göttern verlassene Griechen schreien Merkels drei große kleine Wörter „wir schaffen das“, während sie sich dann als sirtakitanzende Russen entpuppen und die Vollversammlung der finnischen Saunagesellschaft scheitert an der Bereitschaft der unterschiedlichen Kulturen sich zu entblößen. Was für eine Parabel. 

 Kaminer ist ein Menschenfreund, ein Weltbürger, ein Entertainer, der mit großer Offenheit durchs Leben geht und unseren Blick auf das Skurrile und Tragischkomische zu lenken vermag. Einziger Wermutstropfen an diesem Abend: Die Aula eignet sich akustisch nicht besonders für eine Lesung dieser Größe, was zu lautstarken Unmutsbekundungen im Publikum führte. Aus Kaminer selbst bricht es dann auch nach einem über zweistündigen Vortrag zurecht heraus: „Ich kann nicht mehr.“

Von Maria Varela

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