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Andere Länder, andere Sitten: Jazz aus China

Göttinger Jazzfestival Andere Länder, andere Sitten: Jazz aus China

Das 35. Göttinger Jazzfestival ist mit einem besonderem Konzert eröffnet worden. Die „Jingling Dragon World Music Band“ aus Nanjing trägt eine Genrebezeichnung im Namen, die eigentlich keine ist. Dennoch war der Abend ein Erlebnis – zumindest für Hörer, die nicht dem Jazz-Purismus verfallen sind.

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Bandleader: Dong Jinming an der Erhu, einem zweisaitigen Geigeninstrument.

Quelle: Theodoro da Silva

Doch der Reihe nach: Das Konzert im Alten Rathaus war eine Frucht der Städtepartnerschaft zwischen Göttingen und Nanjing, weshalb die Eröffnung wohl auch einem kleinen Staatsempfang glich: Es wurde viel gedankt, gelächelt, erklärt und übersetzt, bevor die sechs Musiker, die vom Göttinger Bassisten Martin Tschoepe souveräne Verstärkung erhielten, endlich ihre Musik sprechen lassen konnten. Und um es gleich vorweg zu nehmen: Diese war, misst man die Gruppe unter der Leitung von Dong Jinming an ihrem Ensembleklang, sehr ordentlich. Besonders verdient machten sich der Bandleader Dong an der Erhu, einer zweisaitigen Geige, und Yin Zhigang an der Gitarre.

Yin war es auch, der die Klangsprache des Jazz am stärksten bediente: Sein ausdrucksvolles Spiel zeigte sich der metrischen Freiheit und Synkopierung dieser Musik gewachsen. Dem braven, meist abgelesenen und zuweilen etwas unsicheren Klavierspiel von Zhu Jing merkte man hingegen an, dass es – zumindest für improvisierte Musik – noch einiger Reifung bedarf.

Eine Frage, die sich viele Besucher sicherlich zurecht gestellt haben, lautet: Was hat eine Band, die sich doch tatsächlich „El Cóndor Pasa“ in ihrem Programm zu haben traut, auf einem Jazzfestival zu suchen? Die Antwort darauf wird der Jazzpolizei, nach der bei vermeintlichen Genreüberschreitungen stets geschrien wird, nicht gefallen: Wer einer freien Musikform abspricht, als Jazz zu gelten, braucht dafür in letzter Konsequenz eine stichhaltige Definition, was Jazz überhaupt ist. Blickt man aber auf das Programm der einschlägigen Labels, wird sehr schnell deutlich, dass dies – glücklicherweise – sowieso unmöglich ist.

Vielleicht gelingt es dann auch, die gefällige, in ihrer stabilen Tonalität sogar mitreißende Darbietung der „Jingling Dragon World Music Band“ als das zu würdigen, was sie ist: Das Ergebnis einer lebhaften Städtepartnerschaft, die bereits in beiden Ländern zu direktem kulturellen Austausch geführt hat. Die Organisatoren des Göttinger Jazzfestivals haben daher zurecht Mut bewiesen, der vom Publikum mit außergewöhnlich starkem Applaus honoriert wurde.#+

Von Jonas Rohde

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