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06:16 26.10.2012
Sind sich sehr nahe: Ruth Klüger (links) und Renata Schmidtkunz. Quelle: Vetter
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Dem Göttinger Lumière ist es hingegen mit der Vorführung des Films „Das Weiterleben der Ruth Klüger“ gelungen, eine neue und wichtige Perspektive zu zeigen. Die Anwesenheit der Autorin Klüger und der Regisseurin des Films, Renata Schmidtkunz, verlieh dem Abend noch zusätzlichen Wert.

Schmidtkunz’ filmisches Porträt der  Holocaust-Überlebenden ist etwas Besonderes. Anstatt auf den Pathos des Opfers zu setzen, zeigt sie Klüger als selbstbestimmte Frau. Beleuchtet wird, wie Klüger im Film selbst sagt, der „Kontrast zwischen Opfer sein und frei sein“ – ein Spannungsverhältnis, das Klügers literarisches Schaffen durchwirkt und das auch im Film einen unkonventionellen Blick auf Möglichkeiten des Weiterlebens bietet.

Schmidtkunz rückt der Autorin und Literaturwissenschaftlerin dafür sehr nahe: Man sieht die 81-jährige im quietschgelben Badeanzug im Pool ihre Runden ziehen und wird Zeuge des ungeheuren Respekts, der der Wienerin, die heute überwiegend im kalifornischen Irvine lebt, entgegengebracht wird. Gleichzeitig ist die Kamera dabei, wenn Klüger, auf einmal einem verschüchterten Mädchen gleich, in einem viel zu groß wirkenden Bürostuhl sitzt und verzweifelt ein Bild ihres ermordeten Vaters sucht. Der Film ist dabei rührend, ohne pathetisch zu sein. Es ist ein Bild der Ambivalenz einer pragmatischen Person, die immer zu sagen scheint, was sie denkt.

Dieser Umstand kam auch der anschließenden Diskussion zugute, die von dem Göttinger Verleger Thedel von Wallmoden moderiert wurde. Klüger erzählte freimütig vom etwas distanzierten Verhältnis zu ihren Söhnen und monierte, dass sie nie besonderes Interesse an ihrer Vergangenheit gezeigt hätten. Schmidtkunz widersprach entschieden und verteidigte ihre filmische Präsentation von Klügers Kindern.

Diese Worte wurden nicht etwa in einem Streitgespräch ausgetauscht. Man merkte gleich, dass sich die beiden Damen sehr nahe sind, und Klüger stellte klar, dass sie den Film für überaus gelungen hielt. Unter der einfühlsamen Moderation von Wallmoden bewiesen die Beteiligten lediglich Mut zum Dissens.
Es gab also viele Gründe, die diesen Abend zu etwas ganz Besonderem machten. „Es ist kein Holocaust-Film, sondern ein Film für eine Frau“, erklärte Schmidtkunz. Und Ruth Klüger hat ihn sich verdient.

Von Jonas Rohde

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