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Coming-out-Romanze im Plattenbau

„Beautiful Thing“ Coming-out-Romanze im Plattenbau

Der eine leidet unter seiner scharfzüngigen Mutter, der andere wird regelmäßig vom betrunkenen Vater verprügelt. Zwei Teenager entdecken in Jonathan Harveys Coming-out-Romanze „Beautiful Thing“ ihre Liebe zueinander. Eine schöne Inszenierung von Andreas Hey feierte Mittwoch im Göttinger Theater im OP Premiere.

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Thius Vogel, Cédric Frein

Quelle: r

Göttingen. In einer Plattenbau-Siedlung in London spielt Harveys Stück. Der Autor, der selbst als Lehrer in einem sozialen Brennpunkt gearbeitet hat, bettet die Liebesgeschichte in eine Milieustudie ein. In Göttingen sorgten die Bühnenbauer Ulf Janitschke und Lisa Rubart mit dem Ensemble für Hochhaus-Atmosphäre. Auf einer Plattform zwischen den beiden, rechts und links der Bühne ansteigenden Stuhlreihen, stehen drei rote Haustüren: eine kahl, eine mit Blumen geschmückt, die dritte ramponiert.

Dort wohnen die Helden des Stücks. Da ist zum einen der schüchterne Jamie (Cédric Frein), der in der Schule gehänselt wird und deshalb schwänzt. Seine blumenliebende Mutter, Sandra (bissig: Lisa Tyroller), schuftet „für ein Taschengeld“ als Bedienung in einer Kneipe. Ihre scharfzüngigen, sarkastischen Bemerkungen geben dem Stück Würze, das gegen Ende immer kitschiger wird. Sandras neuer Freund, Tony (Thius Vogel), ist ein einfühlsamer Lebenskünstler, der lieber kifft, als arbeitet.

Nebenan wohnt der sportliche Steven (durchtrainiert: Phil Schlöter), der in ständiger Angst vor seinem gewalttätigen Vater, Ronnie (Tobias Wojcik), lebt. Das vulgäre Geschrei des Trinkers ist nur aus dem Off zu hören.

Hinter der dritten Haustür ist die pummelige Leah (Myrtha Dorothee Werner) daheim. Die von der Schule geflogene Zicke inszeniert sich als Opfer des Bildungsystems. Ihre kranke, Tabletten schluckende Mutter Rose (wunderbar verhuscht: Jella Böhm) taucht von Zeit zu Zeit mit Lockenwicklern im Haar in der Tür auf.

Damit die Inszenierung realistischer herüberkommt, lässt Regisseur Hey einige Darsteller Kette rauchen. Dabei hätte er ruhig mehr ihrem schauspielerischen Können vertrauen dürfen. Im Zigarettennebel kommen sich die beiden Heranwachsenden, Jamie und Steven, näher. Den Anstoß gibt Jamies Mutter. Die Kellnerin liest nachts auf dem Heimweg den grün und blau geschlagenen Steven auf. Sie nimmt den Jungen mit nach Hause, wo er im Zimmer ihres Sohnes schlafen darf.

Das Bett steht zwischen Bücheregal und Poster unten auf der Bühne. Dort cremt Jamie, der Steven bisher nur aus der Ferne angeschmachtet hat, den geschundenen Körper des Mitschülers liebevoll mit Pfefferminz-Lotion ein...

Die Liebesbeziehung, die sich zwischen beiden entwickelt, muss vor dem Happy-end noch eine Reihe von Herausforderungen überstehen. Unter Selbstzweifeln leidend versuchen die Teenager zunächst, ihr Verhältnis vor anderen zu verheimlichen. Zu groß ist die Furcht, ausgegrenzt zu werden. Wohl nicht zu Unrecht. Eine Schulklasse, die der Premiere folgte, geriet in Aufruhr, als sich die beiden Schauspieler das erste Mal küssten.

Im weiteren Verlauf des Stücks schleichen der 15- und der 16-Jährige zu einer Schwulenbar, deren Adresse sie in einem Gay-Magazin entdeckt haben. Dort hat René Anders als Drag-Queen Brabearer Fauxwell mit „I'd rather be different than be the same!“ einen großen Gesangsauftritt. Dafür gab es viel Applaus.

Stückautor Harvey schrieb das preisgekrönte Drama, an dessen Ende auch zwei Frauen ihre Liebe füreinander entdecken, 1993. Die Uraufführung erfolgte im gleichen Jahr in London. In Deutschland war das Stück erstmals 2008 zu sehen: im Jungen Theater Bonn.

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