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Anne Weber im Literarischen Zentrum Göttingen

Menschen, Tiere, Götter Anne Weber im Literarischen Zentrum Göttingen

So kann es kommen, wenn Autorin und Literaturwissenschaftler aufeinander treffen: Der eine begibt sich auf Spurensuche, sammelt Fakten, interpretiert, die andere will davon nichts gewusst haben.

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Poetisch, präzise und mit großer Innerlichkeit: die Schriftstellerin Anne Weber.

Quelle: Pförtner

Göttingen. „Schreiben ist nicht so bewusst, als dass man auf eine bestimme Wirkung abzielt“, stellt die Autorin und Übersetzerin Anne Weber im Gespräch mit Literaturwissenschaftler Torsten Hoffmann (Frankfurt) klar. Die seit 30 Jahren in Paris lebende Schriftstellerin hat am Mittwochabend im Literarischen Zentrum Göttingen ihren neuesten Roman „Tal der Herrlichkeiten“ vorgestellt.

Es gehe um eine Liebe in ihrer verklärten, idealen Form, sagt Weber. In so einer Liebe seien die Beteiligten gleichzeitig Menschen, Tiere und Götter. Sie habe einfach genug gehabt von der Ironie als Stilmittel, wie sie es in früheren Werken – so zum Beispiel in „Luft und Liebe“ (2010) – oft gebraucht habe.

Da sei eine Sehnsucht und ein Anspruch zur Ernsthaftigkeit in ihr gewesen, denn sie selbst sei ein ernster Mensch, und eigentlich sei Ironie doch nur feige.

„Tal der Herrlichkeiten“ handelt von Sperber, einem Mann, der alles verloren hat und nichts mehr erwartet. Am Strand der Bretagne wird er Opfer einer spontanen Kussattacke.

Eine eigene Sprache für die Liebesakte

Die blonde Küsserin (genannt Luchs) lässt ihn fortan nicht mehr los. Er reist ihr nach Paris nach, wo sie zwei unvergessliche Tage miteinander verbringen, und es „wölbte sich bläulich über ihren Köpfen die Ahnung des noch zu lebenden Lebens (…), der ungeheuren Vielfalt des miteinander Möglichen“.

Weber schreibt poetisch, präzise, in einer großen Innerlichkeit und umschifft gekonnt die Klippen des Kitsches, was angesichts des Themas kein einfaches Unterfangen darstellt. Ihre tastende, vorsichtige Art zu lesen und ihre authentische, pure, bisweilen spröde Art im Gespräch mit Hoffmann sind stimmig mit ihrem Text.

Jedes ihrer Worte – geschrieben oder gesprochen – trägt Bedeutung, und sie ist keine, die sich gern reden hört und als oberstes Ziel die eigene Darstellung verfolgt.

Da es ihr um die Sache geht, ist sie auch entschieden gegen die Bezeichnung „Sexszenen“ für die intimen Abschnitte des Buches. Dieser Begriff klammere das Vorhandensein von Liebe aus. Eine eigene Sprache habe sie für die Liebesakte der beiden Hauptfiguren erfinden müssen.

Das sei eine heikle Angelegenheit gewesen, so Weber, aber es ist ihr geglückt. Selbst eine andere heikle Angelegenheit, die Reise Sperbers ins Totenreich auf der Suche nach seiner verlorenen Eurydike, gelingt ihr ohne pathetisch oder aufgesetzt zu wirken. Ein sprachlich meisterhaftes Buch, das tief berührt und an der Seele kratzt.

Von Marie Varela

Anna Weber: „Tal der Herrlichkeiten“, S. Fischer, 256 Seiten, 18,99 Euro.
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