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Anrührend und bezwingend naturhaft

Deutsche Erstaufführung Anrührend und bezwingend naturhaft

Trost spenden in Zeiten des Todes – das können vielleicht Seelsorger, das vermag aber auf jeden Fall die Musik. Darum haben Komponisten bis heute immer wieder Werke geschrieben, die sich mit dem Tod und der Verheißung der Auferstehung befassen.

Dazu gehört das Requiem des 1949 geborenen Schweizer Musikers Carl Rütti. Geschrieben hat er das Werk 2007, uraufgeführt wurde es 2008 in der Winchester Cathedral. Seine deutsche Erstaufführung erlebte es jetzt in der Göttinger Johanniskirche mit dem Göttinger Kammerchor und dem Göttinger Barockorchester unter der Leitung von Bernd Eberhardt.

Auch wenn Rüttis Stil keinesfalls avantgardistisch ist, sondern erkennbar auf der tonalen Harmonik fußt, wäre es unangemessen, ihn mit dem Etikett „Postmoderne“ zu versehen. Seicht, gefällig, gar süßlich – das ist Rüttis Musik nirgends. Seine Werke seien keine abstrakten Gebilde, sie erreichten die Menschen, „ohne sich dabei anzubiedern oder ins Banale abzurutschen“, hat die Schweizer Journalistin Doris Stalder geschrieben. Dass dies zutrifft, bewies die „Requiem“-Aufführung auf tief beeindruckende Weise.

Die vokalen Linien schwingen in großen melodischen Bögen, dazu liefert das Orchester – Streicher, Harfe und Orgel – einen oszillierenden instrumentalen Untergrund. Die vielen raschen Spielfiguren der Streicher strukturieren sozusagen die Klangoberfläche, halten sie in Bewegung, auch wenn der Grundpuls eher dem eines ruhigen Atmens entspricht. Das gibt dem Klang etwas anrührend und bezwingend Naturhaftes.

Eberhardt hatte seinen Kammerchor sehr gründlich auf diese Herausforderung vorbereitet. Auch in langen A-cappella-Passagen blieb die Intonation lupenrein, ein Phänomen, das Rütti bislang bei keiner einzigen Aufführung seines Requiems erlebt hat, wie er nach dem Konzert hervorhob. Der Stimmklang war bemerkenswert homogen, der musikalische Ausdrucksreichtum bewundernswert. Ebenso präzise und expressiv bewältigten die Orchestermusiker – die sich mit diesem Abend auch jenseits der Barockmusik als höchst kompetent erwiesen – und die Organistin Beate Rux-Voss ihren Part. Die Soli der Sopranistin Magdalene Harer und des Baritons Thomas Scharr fügten sich bruchlos ein. Beide zeichneten ihre melodischen Linien mit hell timbriertem Stimmklang, mit großer Klarheit und Schlichtheit sowie mit intensivem Ausdruck. Eberhardt sorgte für eine spannungsreiche Dramaturgie und bewahrte auch in den rhythmisch kompliziertesten Passagen stets seine bemerkenswerte dirigentische Souveränität.

Der Beifall in der gut besuchten Kirche wollte kaum ein Ende nehmen. Er galt auch dem Komponisten, der aus der Schweiz angereist war und nach dem Konzert einer Choristin in die Noten schrieb: „Ich bin völlig begeistert von der heutigen deutschen Erstaufführung.“

Von Michael Schäfer

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