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Arbeitstier Mensch zerbricht an Eifersucht

Premiere von „Woyzeck“ Arbeitstier Mensch zerbricht an Eifersucht

Arbeiten wir, um zu leben, oder leben wir, um zu arbeiten? Diese Frage mag sich auch Georg Büchner gestellt haben, als er 1836 sein Sozialdrama „Woyzeck“ zu schreiben begann. In Zeiten, in denen sich die Gesellschaft durch ihre Leistung definiert und der Mensch durch seine Arbeit, ist diese Frage aktueller denn je.

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Zu dritt und doch allein: Woyzeck, gespielt von Dirk Böther, Verena Saake und Felix Steinhardt (von links) .

Quelle: Eulig

Und mit der Inszenierung von „Woyzeck“ bringt das Ensemble des Jungen Theaters das soziale Drama um das Arbeitstier Mensch in ebenso eindrucksvoller wie bedrückender Form auf die Bühne.

In einem Sack wird Woyzeck auf die Bühne gestellt, unbeweglich, die Augen verbunden. Es sind die Fesseln seines Lebens, denen er unterworfen ist. Als Berufssoldat ist er seinem Vorgesetzten hörig, auch, weil er sich als Friseur des Hauptmanns Geld dazu verdient. Da das immer noch nicht ausreicht, um die eigene Existenz zu sichern, gibt er sich als Versuchskaninchen für Experimente eines Doktors her. Es ist ein Leben für die Aufgaben, das an die vielen Nebenjobber der heutigen Dienstleistungsgesellschaft erinnert. Zeit zum Leben bleibt da nicht.

In der Inszenierung von Alexander Krebs stehen gleich drei Woyzecks (Dirk Böther, Verena Saake, Felix Steinhardt) auf der Bühne. Wie sonst wäre das Arbeitspensum, das Hin- und Herspringen zwischen den Anforderungen zu schaffen? Ein Woyzeck reicht da nun mal nicht. Woyzeck ist ein Gehetzter. Er springt, wenn er springen muss. Er schafft, wenn er schaffen muss. Er trinkt, wenn er trinken muss. Ein Stahlkäfig auf der Bühne, in dem die Darsteller wie Vieh gehalten werden, ist ein starkes Bild in diesem Stück. Warum das alles? „Alles Arbeit“, sagt Woyzeck selbst. Menschliche Bedürfnisse haben in seinem verplanten Leben keinen Platz. Wie Roboter agieren die drei Woyzecks auf Befehl.

Dass die Choreographie der Tanzszenen nicht perfekt synchron läuft, darf vielleicht als Hinweis auf die Individualität verstanden werden. Es zeigt aber auch, wie schwer es ist, Schritt zu halten in einer so schnellen Welt.

Woyzeck leidet unter den Verhältnissen. Sein Wunsch nach Liebe und Wärme lassen es in ihm brodeln. Mehr und mehr verlässt er die rotierende Welt, in der er als „Geistesgestörter“ ankommt. Schließlich wird alles zu viel. Als ihn dann seine Geliebte betrügt, entlädt sich all das in seiner letzten Tat. Es gibt nur einen Ausweg. Er tötet Marie. Leichte Kost ist das nicht, aber das sind soziale Dramen selten. Das Premieren-Publikum antwortet der Anklage jedenfalls mit Applaus.

Die nächsten Vorstellungen: 2., 5., 8., 15. und 19. April, 20 Uhr. Kartentelefon: 05 51 / 495 01 77.

Von Björn Dinges

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