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Armut bedeutet oft Bluthochdruck und Übergewicht

Gesprächsrunde zu Kinderarmut Armut bedeutet oft Bluthochdruck und Übergewicht

Jedes vierte Kind in Göttingen unter sechs Jahren lebt in Armut. 4000 Kinder sind nach Auskunft der Stadtverwaltung betroffen. Aber wie fühlt sich das an, arm sein? Welche Auswirkungen hat die Armut auf die Kinder. Und kann man mit Bildung etwas dagegen tun?

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Ein stetig wachsendes Problem: Armut von Kindern in Deutschland.

Quelle: ddp

Diese Fragen versuchten Sozialdezernentin Dagmar Schlapeit-Beck (SPD), Kinderarzt Martin Hulpke-Wette, der Vorsitzende des Göttinger Kinderschutzbundes Michael Stechbart und Henning Grahlmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft während einer Podiumsdiskussion zu erörtern.

Ruth Cornelie Hildebrandt, Organisatorin der 42. Göttinger Kinder- und Jugendbuchwoche, las zu Beginn der Diskussion, die zum Programm der Buchwoche gehörte, eine Passage aus Christine Biernaths Roman „Leben auf Sparflamme“ über ein Mädchen, dessen Familie durch die Arbeitslosigkeit des Vaters in finanzielle Not gerät. Das bedeutet konkret, raus aus dem Eigenheim am Stadtrand, kein Kino, keine neuen Klamotten und das Schlimmste, Jessica kann und mag es ihren Freunden nicht sagen, dass sie nun arm ist.

Armut ist sehr stark mit Resignation und Scham und Einsamkeit verknüpft. Und deshalb bleiben die Armen häufig unter sich, hat Stechbart festgestellt. Er plädiert für eine umfangreiche Vernetzung von Hilfsangeboten. Appelliert aber auch an jeden Einzelnen, sich nicht auf Institutionen zu verlassen. Jeder könne ein Kind aus armen Familien fördern, ihm beispielsweise gemeinsam mit den eigenen Kindern bei den Hausaufgaben helfen oder es einfach mal zum Essen nach Hause einladen.

Hulpke-Wette berichtet aus seiner Praxis einen besorgniserregenden Trend. Armut bedeutet in vielen Fällen Übergewicht und Bluthochdruck. 30 Prozent der Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren hätten bereits nachgewiesene Gefäßschäden. „Wenn man an Armut denkt, denkt man eher an Hunger, sagte Moderatorin Angela Brünjes. Hulpke-Wette ist der Ansicht, dass es ein Manko ist, dass es weder Gesundheitserziehung noch Ernährungslehre in den Schulen gibt. Die Schule sei aber die Instanz, durch die alle durch müssten.

Nun müsse man versuchen, die Eltern über die Kinder zu erreichen. Sie könnten das Wissen über Gesundheit und Ernährung in die Familien tragen. Denn in seine Praxis in der Nikolaistraße oder die seiner Kollegen kämen die wenigsten von Armut betroffenen Familien mit ihren Kindern. Der Weg ist zu weit. Vielen fehle schlicht das Geld für eine Busfahrkarte. Eigentlich sei es sinnvoll, eine Kinderarztpraxis in Grone zu eröffnen, damit die Patienten ihren Kinderarzt vor Ort hätten. Allerdings gebe es in den nächsten 25 Jahren wegen der Ärzteüberversorgung im Stadtgebiet keine Chance, sich als Kinderarzt niederzulassen, erklärte Hulpke-Wette.

Schlapeit-Beck sähe es am liebsten, wenn die Schulen ein verpflichtendes und kostenloses Mittagessen anbieten würden. Dafür fehle jedoch das Geld. Zudem sei es sinnvoll, wenn Schulkioske abgeschafft würden, damit wenigstens in der Schule keine Süßigkeiten und kalorienhaltige Getränke verfügbar seien. Durchsetzbar sei das allerdings nicht, weil der Kiosk eben auch einen tariflich geschützten Nebenverdienst für die Hausmeister sichere.

Neben dem ungesunden Essen sei Bewegungsmangel ein zweiter wichtiger Faktor für schwere Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. „Für 4000 Kinder in der Stadt ist der Sportverein kostenlos, aber nur 200 nehmen das Angebot an“, berichtete die Sozialdezernentin. Es sei also nicht nur der Preis, der die Familien abschrecke, sondern auch der Aufwand. Die Busfahrt zum Sport, die Schuhe, das Trikot müssten immerhin noch selbst finanziert werden.

Die Stadt versuche mit einem Masterplan gegen Armut entgegenzuwirken, sagte Schlapeit-Beck. Bildung sei dafür ein Schlüsselbegriff. Und mit einer Kindergartenversorgung von 43 Prozent sei ein Grundstein gelegt. Jetzt brauche die Stadt noch mehr Ganztagsschulen und zudem weniger sozialräumliche Spaltung, um Ausgrenzung in bestimmten Stadtteilen zu vermeiden, forderte Grahlmann. Ein positives Beispiel, das ihrer Ansicht nach Schule machen sollte, ist für Schlapeit-Beck das Baugebiet am Stadtfriedhof. Dort hätten sich finanzkräftige Familien ganz bewusst für den Stadtteil Grone entschieden.

Von Eida Koheil

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