Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Arundhati Roy in Göttingen

Literarisches Zentrum Arundhati Roy in Göttingen

Sie ist gefeiert seit „Der Gott der kleinen Dinge“ und gehasst für ihre politische Aufsätze. Bestsellerautorin Arundhati Roy hat am Sonnabend in Göttingen gelesen und gezeigt, wie Fiktion und Wirklichkeit in ihren Texten zusammenspielen.

Voriger Artikel
Sonniger Ausklang mit deutschen Nachwuchsbands
Nächster Artikel
Von Blues über Jazz, Folk und Country bis hin zur Klassik

Arundhati Roy

Quelle: Peter Heller

Göttingen. „Taschen nur bis DIN-A-4-Größe erlaubt“, „keine Gegenstände mit in den Raum nehmen“, „erhöhte Sicherheitsvorkehrungen“ – im Vorfeld der Lesung am Sonnabend in der Aula am Wilhelmsplatz in Göttingen hatte es zahlreiche Hinweise darauf gegeben, wie sich Besucher der Veranstaltung des Literarischen Zentrums in Kooperation mit dem Centre for Modern Indian Studies (CeMIS) der Georg-August-Universität zu verhalten hätten – und was sie unterlassen sollten. Tatsächlich gab es Sicherheitspersonal am Einlass, die Kontrollen aber verliefen dezent – viel weniger Aufwand als beim Soundcheck-Festival, das parallel nur wenige Straßen weiter tobte, wurde betrieben.

Warum aber all die Sicherheitsmaßnahmen? Für eine Lesung? Ein Buch mit dem Titel „Das Ministerium des äußersten Glücks“ sollte im Mittelpunkt stehen, dazu ein Gespräch in englischer Sprache, etwas Film und ein wenig Vortrag aus dem Buch auf Deutsch – nichts also, das nervös werden lassen sollte. Doch. Der Name der Autorin, um die es an diesem Abend gehen sollte: Arundhati Roy.

Bestsellerautorin, Weltstar, Freigeist und Friedenaktivistin, Globalisierungs- und Kapitalismuskritikerin, Umweltschützerin und Stimme der Armen und Entrechteten – all diese Begriffe dürften, mal mehr, mal weniger, auf Roy. Andere nennen sie kriminell. Antinationalistisch, eine Sympathisantin der kommunistischen Rebellen, eine Unterstützerin der militanten Separatisten in der Provinz Kaschmir.

Das mädchenhafte Lachen, die melodiöse Stimme und der wilde Lockenkopf – heute, nach 55 Lebensjahren durchziehen weiße Strähnen den schwarzen Schopf – dürfen nicht über das hinwegtäuschen, was Roy so besonders und für ihre Kritiker so gefährlich macht: Sie denkt messerscharf, pointiert – und in lupenreinem Englisch, das wird im Gespräch mit Christoph Senft, einem ausgewiesenen Experten für indische Literatur, deutlich.

Dabei unternimmt sie während der rund zwei Stunden in der Aula Ausflüge in all die Rollen, die sie spielt und lebt. Sie liest den Prolog und eine weitere Passage aus „Das Ministerium des äußersten Glücks“ wie eine Schauspielerin. Auf Fragen der Fiktionalität ihrer Texte antwortet sie mit Antworten zu ihren politischen Essays, stellt philosophische Thesen auf, malt lyrische Rahmen um die Aussagen. Wie in ihrem aktuellen Buch und auch schon in „Der Gott der kleinen Dinge“, mit dem sie vor 20 Jahren berühmt wurde, verschwimmen Biografisches und Fiktionales, Literatur und Realität bei Roy. Fiktion enthalte immer auch Wirklichkeit, sagt Roy während des Gesprächs. Insofern gebe es eine Schnittmenge mit ihren Sachbüchern und Essays. Anders aber als in Texten, die der Argumentation dienen sollten, verfolge sie im Verfassen fiktionaler Texte kein Ziel außer „ein Universum zu bauen“. Eines, das ohne Regeln funktioniere. Und wenn es Regeln gäbe, wären es ihre eigenen. Einen fiktionalen Text als Mittel zum Zweck zu schreiben, liege ihr schon deshalb fern, als ein Roman zu schön sein, „um ihn zu benutzen“ und ihre Figuren keine „animierten Konzepte“.

Vielleicht sind Roys Helden tatsächlich zu vielschichtig, zu schillernd und zu polarisierend, um mit ihnen Menschen zu manipulieren. Wozu sie aber bestens geeignet sind, ist, mit ihnen den Horizont zu erweitern. Lernten Leser durch den „Gott der kleinen Dinge“ das Frauenbild, das Kastensystem oder die religiösen und kulturellen Besonderheiten Indiens kennen, erfahren sie im neuen Roman, was es heißt, glücklich zu sein. Auf sehr individuelle Weise und dennoch in Gemeinschaft. So trägt Andrea Strube, Schauspielerin am Deutschen Theater und mit einer mitreißenden Art des Vorlesens gesegnet, eine Passage vor, die deutlich macht, wie sehr sich das Weitermachen lohnen kann. Selbst wenn man auf einem Friedhof wohnt, umgeben von Junkies und Obdachlosen und sogar ignoriert von deren Hunden. Mit Kreativität und Selbstbewusstsein gelingt es Anjum – intersexuell, umoperiert und seelisch wie körperlich zersplittert – sich eine eigene kleine Welt aufzubauen. In Roys Buch entsteht eine Utopie, vielleicht die Anjums, vielleicht die des Kaschmir, das sich die Autorin wünschen würde: ein Raum für jeden. Selbstgewählt, frei. Dafür spräche, dass Anjum etwas lebt, das Roy in einem ihrer Essay, in dem Fall gegen Atomwaffen, geschrieben hatte „Hiermit erkläre ich mich als unabhängige, mobile Republik“, hieß es darin. Ohne Land, Flagge, Geschlecht oder andere Kategorien stellt sie sich darin vor, als „Bürgerin der Erde“.

Vielleicht ist es das Kaschmir, das sich Roy nach 70 Jahren Unabhängigkeit wünschen würde: Ein Ort der Gemeinsamkeit aller, der gegenseitigen Wertschätzung, der Religionsfreiheit und Gewaltlosigkeit. Jedenfalls ist es ein Ort, der bereits viele Leser in seinen Bann gezogen hat. Auch die meisten der Zuhörer in der voll besetzten Aula hingen an den Lippen Roys – und nahmen lange Wartezeiten in Kauf, um an ein Autogramm von ihr zu kommen.

Von Nadine Eckermann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Regional
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag