Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 1 ° Schneeregen

Navigation:
Astrid Dehe und Achim Engstler lesen in der Göttinger Sternwarte

„Auslaufend Wasser“ Astrid Dehe und Achim Engstler lesen in der Göttinger Sternwarte

Ein junger Mann, gerade 21 Jahre alt, steht im Dezember 1866 auf einer Sandbank vor der Insel Baltrum. Dichter Nebel umgibt ihn, er kann nichts sehen, nur die steigenden Fluten. Tjark Evers, Navigationsschüler und gebürtiger Baltrumer, weiß: Es gibt keine Hilfe, und er hat vielleicht noch eine Stunde, bevor ihn die tosende See verschluckt.

Voriger Artikel
Gudrun Brüne stellt in der Göttinger Galerie Ahlers aus
Nächster Artikel
Impro-Festival Göttingen: Spaß mit Franzosen

Autorin Astrid Dehe und Autor Achim Engstler.

Quelle: Heller

Göttingen. Ein Überlebenskampf ist sinnlos, und so widmet sich der angehende Steuermann dem Schreiben in sein Schulbuch. Er macht sieben Eintragungen während er auf der Plaat, einer Sandbank steht, darunter Abschiedsbriefe an seine Eltern. Was geht in einem Menschen vor, so kurz vor seinem unausweichlichen Tod?

Dies war eine der Fragen, die Astrid Dehe und Achim Engstler antrieb, mehr über den realen Tjark Evers herauszufinden, dessen Buch sie mehr als ein Jahrhundert später im Baltrumer Museum entdeckten.

Dieser Moment brachte die Recherche für ihre Novelle „Auflaufend Wasser“ ins Rollen, die Autoren präsentierten das Buch am Mittwoch in der historischen Sternwarte erstmals. „Es war wie eine Art Inspiration“, sagt Dehe zu ihrer Entdeckung auf Baltrum.

Das Publikum blickt gespannt auf die beiden Verfasser, die vor einer Leinwand in den Räumen des Lichtenberg-Kollegs sitzen und von dem Schicksal des jungen Matrosen erzählen. Ein leerer Sandstrand mit einem einzigen Fußabdruck wird auf den Hintergrund projiziert. Ruhig, besonnen, philosophisch und fast ein wenig mystisch sind die Worte von Dehe und Engstler, während sie aus ihrer Novelle lesen.

Die dichterische Beschreibung der See, der Wahrnehmungen Evers’ und der Ereignisse die ihn umgeben, bringen die Zuhörer in der Sternwarte nah an die Geschichte und sorgen für viel Anteilnahme an der ausweglosen Situation des Baltrumers.

Evers registriert erst langsam, nicht auf der Insel zu sein. Er steht im Meer, hunderte Meter weit entfernt vom rettenden Land. „Er bezahlt für diesen einen Moment“, liest Engstler, diesen Moment der Unaufmerksamkeit. Der Navigationsschüler verliert irgendwann den Halt seiner Worte, spürt nichts mehr, verliert die Realität, und zur Selbstvergewisserung schreibt er auf der Sandbank in sein Buch: „Ich bin T. Evers aus Baltrum.“

„Keiner kann sein Schicksal berühren,“ sagt der Autor. Evers ist allein an diesem Tag vor Weihnachten 1866, und sein Schicksal berührt die Zuhörer an diesem Abend. Mit großem Applaus beenden die Autoren ihre Lesung aus dem mitreißenden Werk.

Von Lisa Dionysius

Voriger Artikel
Nächster Artikel
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag