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Atze Schröder „Schmerzfrei“ in der Göttinger Lokhalle

Aktuelles Programm Atze Schröder „Schmerzfrei“ in der Göttinger Lokhalle

Der halbwegs gebildete Göttinger weiß den Satz des Pythagoras irgendwo in der Mathematik zu verorten. Am Sonntagabend lernen die 2000 Anwesenden in der ausverkauften Lokhalle die wirkliche Aussage des Satzes: „Über jedes gleichschenklige Dreieck gehört noch ein Tanga“. Atze Schröder ist wieder da.

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Mit Pornobrille und Lockenperücke: Ruhrgebietsproll Atze Schröder ist wieder da.

Quelle: Theodoro da Silva

Und er hat sich gut gehalten. Die Pornobrille sitzt, genau wie die Lockenperücke und die gewohnt machohaften Sprüche.

Sein neues Programm „Schmerzfrei“ sei „das beste“, „hart“ und „FSK 31“. Machte vor fünf Jahren die „Hannoveraner Wurflegende“ Ursula von der Leyen das Thema „Mutterschutz“ für Atze unumgänglich, sind es nun vermeintlich „schmerzfreie“ Menschen, Völker und Fußballstars. „Es gibt viel zu besprechen“ prognostiziert der 47 jährige Ruhrpott-Rüpel zu Beginn der Show.

„Nur über Fritz Wepper darf ich heut nicht sprechen, dieser kleine, miese …“ – doch auch dem Schauspieler, der Atze jüngst verklagte, wird im Verlauf des Abends noch Deftiges aus Atzes Sprüche-Küche serviert.

Abgebrüht und willkürlich geht Atze durch die Riege der vermeintlich Schmerzfreien: Da wäre zum einen Gaddafi, der noch Atzes Zweitbrille habe. Alte Leute seien schmerzfrei, besonders wenn sie sich fortpflanzten. Italiener („Berlusconi tritt nicht zurück, er schwillt ab“) und Griechen seien schmerzfrei.

Silvana Koch-Mehrin sei schmerzfrei, weil sie eine Kolumne in der Praline gehabt habe. Sogar die ehrbare Doktoren-Gilde ist nicht mehr das, was sie mal war: „Dr. Best bürstet jeden Abend eine andere Tomate.“ Auch Engländer, die durch ihr Sonnenbadeverhalten den Hautkrebs als Sternzeichen verstünden, kennen weder Schmerz noch Anstand , meint Schröder.

Mitunter unternimmt der Essener krude Gedankenspiele und lässt Alt-Philosoph Sokrates auf Alt-Fußballspieler Andy Brehme treffen: Sagt der erste „Das Leben ist eine Komödie für die Denkenden“, entgegnet der zweite „Hast du Scheiße am Fuß, hast du Scheiße am Fuß“.  Wer letztendlich Recht hat, will Atze vom Publikum wissen.

Die Zuschauer sind Wachs in seinen Händen. Sie beenden seine Sätze, sie singen seine Lieder mit, sie johlen und grölen über seine Sprüche. Eine von Schröder angenommene Ungerechtigkeit, dass Viagra-Witze nur vom Arzt Eckhard von Hirschhausen ankommen würden, bewahrheitet sich an diesem Abend nicht.

Mit Bauarbeiter-Charme erzählt Atze Geschichten aus dem Waldorf-Kindergarten und von seiner Reise nach Ghana. Es gibt keinen tieferen Inhalt, keinen roten Faden und keine implizite Sozialkritik. Aber das will auch niemand. „Alles Atze“ heißt die Devise . Ruhrdeutsch ist an diesem Abend die Sprache, die alle verbindet.

Am Ende hat er sein Gefolge ansehnlich konditioniert: Auf „Fritz Wepper“ ertönt ein „Iiiih“ vom weiblichen Publikum, auf „Männerabend“ ein „Ahhh“ der männlichen Gäste. Angesichts seiner Nahtoderfahrung im Altenheim entlässt die prollige Kunstfigur ihr Publikum nach zweieinhalb Stunden mit einer letzten Weisheit: „Schmerzfrei ist Scheiße, denn dann ist man tot.“ Mit unnachgiebigem Applaus holt das Publikum Schröder für eine Zugabe zurück auf die Bühne.

Von Katharina Kilburger

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