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Regional Sängerin Sophie Harmsen begeistert
Nachrichten Kultur Regional Sängerin Sophie Harmsen begeistert
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00:27 25.04.2018
Barocke Arien: Sophie Harmsen und Laurence Cummings in der St.-Norbert-Kirche Friedland. Quelle: Michael Schäfer
Göttingen

„Konflikte“ heißt das Thema der diesjährigen Festspiele. Flucht und Vertreibung seien immer die Folge von Konflikten, sagte Festspielintendant Tobias Wolff bei seiner Begrüßung des zahlreich erschienenen Publikums. Deshalb sei Friedland als Standort des Grenzdurchgangslagers ein besonders geeigneter Ort für den Auftakt der Festspiele, hob Wolff hervor.

Mannigfache Facetten

Um Konflikte ging es auch in den ausgewählten Arien von Händel, Monteverdi und Purcell. Mit dem Accompagnato und der Arie der Dejanira „Where shall I fly?“ aus Händels „Hercules“ begann das Konzert: ein grandioses Stück mit einer Vielzahl von Affekten. Da stoßen Verzweiflung, Todessehnsucht, Schuldgefühle, ja Selbsthass jäh aufeinander. Hier konnte Harmsen die mannigfachen Facetten ihrer Stimme vorführen – von leiser Klage über abgrundtiefes Leid bis zu zerstörerischer Wut. Doch nirgends wird ihre große, raumfüllende Stimme dabei unangenehm scharf, selbst Gefühlsexzesse bleiben kultiviert.

Ungleich sanftere Töne ließ sie in den beiden Arien aus Händels Oper „Alcina“ hören: „Mi lusinga il dolce affetto“ und „Verdi prati“. Wobei selbst bei der zweiten Arie, in der zunächst von grünen Wiesen, lieblichen Wäldern, reizenden Blumen, von Anmut und Schönheit die Rede ist, auch wieder der Gefühlskontrast einkomponiert ist: Alles „wird schnell sich verlieren“, Schönheit vergeht. Anrührend weich und zärtlich setzte Harmsen hier ihre Stimme ein, die von volltönenden tiefen Lagen bis in hohe Sopranregister reicht. Ebenfalls aus „Alcina“ stammt die der Arie „Stà nell’Ircana“, in der die Sängerin bravourös zeigte, zu welch atemberaubenden Koloratur-Kunststücken sie fähig ist.

Furioser Affekten-Galopp

Ganz andere Töne schlägt Claudio Monteverdi in seiner Oper „Il coronazione de Poppea“ an. In Ottavias Szene „Addio Roma“, mit der Harmsen die zweite Konzerthälfte eröffnete, jagt ein Gefühlsausbruch den anderen – in noch schnellerer Folge als in Händels „Hercules“. Das geriet zu einem furiosen Affekten-Galopp, den die Sängerin mit entsprechender Gestik und Mienenspiel fast szenisch darstellte. In denkbar großem Kontrast dazu stand die Szene aus dem dritten Akt der Oper „Dido and Aeneas“ von Henry Purcell, in der Dido, von Aeneas verlassen, ihre Todessehnsucht besingt. Diese hoffnungslose Verzweiflung – die am Ende der Oper in den Selbstmord Didos mündet – stellte Harmsen mit bezwingender Intensität dar, stimmlich ganz zurückgenommen, hauchzart, zutiefst ergreifend. Am Ende ließ sie noch einmal den Glanz ihrer wundervollen Stimme und ihre virtuosen Fähigkeiten in zwei Arien aus Händels „Ariodante“ strahlen.

Virtuoses Cembalospiel

Laurence Cummings, künstlerischer Leiter der Händel-Festspiele, erwies sich in diesem Konzert nicht nur als hochsensibler Cembalopartner der Sängerin. Er steuerte auch, um ihr ein wenig Erholung zu verschaffen, zwei Solowerke bei: Händels Cembalosuite fis-Moll und Purcells Suite Nr. 4 in a-Moll. Hier belebte er die virtuos vorgetragene Musik mit ungemein geschmackvoll eingesetzten kleinen Verzögerungen, führte die Stimmen derart selbstständig, dass man muntere Unterhaltungen vernahm, bisweilen auch fröhliche Tänze. Für den abwechslungsreichen Abend bedankten sich die Zuhörer mit begeistertem Beifall. Als Zugabe sang Sophie Harmsen noch einmal die ohrenschmeichelnde Arie „Verdi prati“. Das war, als schiene die Frühlingssonne in die Kirche hinein, auch wenn draußen schon längst der Mond aufgegangen war.

In diesem Video ist Sophie Harmsen mit „Qual guerriero in campo armato“ zu hören. Lesen Sie anschließend, wann sie in Göttingen singt.

Info

Sophie Harmsen ist im Eröffnungskonzert der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen am Donnerstag, 10. Mai, um 18 Uhr in der Stadthalle zu hören. Sie singt in Händels Oratorium „Judas Maccabaeus“ die Partie des Israeliten. Die weiteren Solisten sind Kenneth Tarver (Judas Maccabaeus), Deanna Breiwick (Israelitin), João Fernandes (Simon, Eupolemus), Owen Williams (Priester) und Ina Jaks (Bote). Es singt der NDR-Chor, es spielt das Festspielorchester Göttingen. Die Leitung hat Laurence Cummings. Karten gibt es in den Tageblatt-Geschäftsstellen sowie online unter haendel-festspiele.reservix.de

Informationen zu den Internationalen Händel-Festspielen 2018 unter dem Motto „Konflikte“ haben wir auf einer Themenseite zusammengestellt.

Von Michael Schäfer

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