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Autor Franzobel liest in Göttingen aus neuem Roman

Suhlen in Derbheiten Autor Franzobel liest in Göttingen aus neuem Roman

Beinahe wäre er nicht in Göttingen angekommen, erzählt der Österreicher Franzobel. Die alpenländische Bahn habe zeitweise einfach still gestanden. Grund genug für den vielfach ausgezeichneten Schriftsteller, gleich zu Beginn seiner Lesung im Literarischen Zentrum über das Phänomen Zeit und auch über den Urknall zu philosophieren.

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Meistens geistreich: der Schriftsteller Franzobel.

Quelle: Heller

Göttingen. Auch der am Vorabend genossene Fernet Branca habe sein Erscheinen im Göttinger Apex gefährdet, erzählt der etwas kauzig wirkende zweifache Familienvater im legeren Strickpullunder. Im Gepäck hat der schon wieder biertrinkende Franzobel seinen neuen Roman „Was die Männer so treiben, wenn die Frauen im Badezimmer sind“.

Phänomen des Stöhnens

Wer sich vom Titel – zurecht irregeleitet – nun auf noch ein paar Beziehungsgeschichten- und -klischees, so mitten aus dem Leben à la Allan und Barbara Pease („Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“) freute, wurde enttäuscht. Franzobels skuriller Protagonist Hildebrand Kilgus (Hildy) hat anderes im Sinn. Er möchte dem Phänomen des Stöhnens auf den Grund gehen und erforscht es in den unterschiedlichsten, gern abgründigen, sozialen Kontexten.

So arbeitet er zeitweise als Hebamme(r), Puffvater, Sargträger und Sterbebegleiter. Trotz seiner Angst vor Berührung wird Hildy letztendlich auch noch Vater von Baby Heinrich, mit Hilfe einer wohlbeleibten Frau namens Bayreuth, denn „irgendwie ist er in die richtigen Hautfalten reingekommen“, so der Autor.

„Vollgeschissene Windel“

Franzobel suhlt sich gern ausgiebig in verbalen Derbheiten wie der „vollgeschissenen Windel“ eines Kleinkindes und spielt mit der Schmerzgrenze seiner Zuhörer und Leser, wenn es um Tabuthemen geht. Nebenbei tangiert der Sprachjongleur immer wieder große Fragen wie die Freiheit der Entscheidung und streut in seinem Roman ab und an ein schnellverdauliches Witzchen ein, nach dem das Publikum geradezu dürstet. Auch die Oma des Protagonisten, die versehentlich Badeperlen verzehrt, weil sie sie für Pralinen hält und so zur Seifenblasenmaschine wird, ist eine Insel zum Verweilen im oft garstigen Wortstrom des Franzobel.

Soviel zur Oberfläche des Romans, denn gut getarnt hinter einem Dickicht aus Obszönitäten und Kalauern verbirgt sich eine Missbrauchsgeschichte in der österreichischen Provinz, in der Hildy das Fühlen verlernte, so sehr wurde er als Kind im „Saurüssel“, dem familieneigenen Gasthaus, gepeinigt. Gegen Ende der Lesung stellt Franzobel seine schonungslose und virtuose Wortakrobatik unter Beweis: in Schlagern, Urknallgeschichten auf Chinesisch, Türkisch und Südtirolerisch und in postkoitaler Lyrik. Alles ganz schön schräg, aber meistens geistreich.

Von Marie Varela

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