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Autor Péter Farkas liest im Literarischen Zentrum Göttingen

Liebeserklärung mit Pflaumenmus Autor Péter Farkas liest im Literarischen Zentrum Göttingen

„Schließlich sind wir Idioten“, denkt der alte Mann aus Péter Farkas neuem Roman „Acht Minuten“ und nimmt so die Perspektive der Außenwelt auf sich selbst und seine Frau ein. Beide sind dement.

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Schreiben über die letzten Tage: Péter Farkas.

Quelle: Pförtner

Göttingen. Zurückgezogen verbringen „der alte Mann“ und „die alte Frau“ – mit Namen habe er ein Problem sagt der Autor – in ihrer Wohnung die wohl letzten Tage ihres Lebens.

Kein leichtes Thema und doch eines, das an diesem Abend im Literarischen Zentrum Göttingen auf reges Interesse stößt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich immer mehr Künstler der angstbesetzten Themen Alter und Sterben annehmen. Zuletzt machte Michael Hanekes Film „Liebe“ Furore mit diesem leisen und schwierigen Thema.

„Man fühlt sich nicht angenehm, wenn man über so etwas schreibt“, offenbart auch Péter Farkas, der 2011 mit dem Sandór Márai-Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, im Gespräch mit Isabelle Vonlanthen.

Und doch sind die in entschleunigter, detaillierter Sprache entworfenen Szenen einer alten Ehe nicht durchweg von Traurigkeit oder Unglück geprägt. Da ist Erleichterung zu spüren, dass man keinen Erwartungen mehr entsprechen muss, sich nur noch auf sich und den Partner konzentrieren kann.

Wahrnehmung des eigenen Körpers entscheidender Faktor

Eindrucksvoll und rührend zeigt der ungarische Autor wie am Ende der Körper mit seinen Wahrnehmungen und Vorgängen an die Stelle von Intellekt und verbaler Kommunikation tritt, denn „noch nie war er dem Körper der alten Frau näher gewesen“ und der alte Mann kann sehr wohl noch auf seine Art mit der alten Frau kommunizieren, denn ihre Haut erinnert sich noch.

Die Wahrnehmung des eigenen Körpers sei für ihn ein entscheidender Faktor in der Differenzierung von Jung und Alt, stellt Farkas fest. „Als junger Mensch merkt man gar nicht, dass man einen Körper hat.“

Gerade durch den sanften Sprachduktus und rührende Szenen wie das Pflaumenmuskochen zum Geburtstag der alten Frau treffen den Leser und Zuhörer Details wie das häufige Einkoten oder die ausführliche Beschreibung des Speisebreis im Mund der alten Frau doppelt hart. Trotz der bedrückenden Endthematik ist auch in diesem letzten Stadium Liebe spürbar und Farkas Text zieht einen mit seiner Handlungsarmut und poetischen Sprachgewalt in eine Tiefendimension, aus der man nach der Lektüre erst einmal wieder aufsteigen muss.

Woher aber nun der rätselhafte Titel „Acht Minuten“, der noch dazu in der deutschen Übersetzung gar nicht auftaucht? Darüber gibt Farkas, der sich bei manchen Fragen etwas ziert, gern Auskunft. So lange dauere die Lichtwelle von der Sonne zur Erde. Wenn die Sonne sterbe, würde man das auf der Erde erst nach dieser Zeitsequenz merken. Diese acht Minuten blieben den Menschen noch.

Von Marie Varela

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