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Mit Fruchtzwergen im Bauch

Axel Hacke bei der "Spötterdämmerung" Mit Fruchtzwergen im Bauch

Vom schwermütigen Kühlschrank bis zu schrägen Schlagertexten: Der Schriftsteller und Journalist Axel Hacke hat am Donnerstag im ausverkauften Alten Rathaus aus seinen Büchern und Kolumnen gelesen. Die Veranstaltung war Teil der satirischen Lesereihe „Spötterdämmerung“ zum Lichtenberg-Jubiläum.

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Quelle: Hartwig

Göttingen. Der Stapel an Texten und Büchern, mit denen Axel Hacke auf die Bühne kommt, ist beachtlich. „Ich habe große Teile meines Gesamtwerkes dabei und werde ihnen auch große Teile davon vorlesen … vielleicht sogar alles. Wenn wir schon mal in diesem schönen Saal sind, dann wollen wir nicht kleinlich sein. Können dann noch das gemeinsame Frühstück da vorne in dem Café ...“

Wer würde da schon Nein sagen wollen? Schließlich soll es Leute geben, die Hackes wöchentliche Kolumne für das Beste in der Süddeutschen Zeitung halten. Zehn Jahre erschienen seine Wort- und Textschöpfungen unter dem Titel „Das Beste aus meinem Leben“ im SZ-Magazin und seit mittlerweile fast zehn Jahren titeln sie „Das Beste aus aller Welt“.

Und während Hacke von den einstigen Hauptfiguren der ersten Kolumnen-Dekade erzählt, zu denen auch der schwermütige Kühlschrank Bosch gehörte, plaudert er zwischendurch noch spontan und pointenreich mit einer Zuschauerin. Der Mann kann eben nicht nur hervorragend schreiben. Er kann auch begnadet vorlesen und äußerst unterhaltsam plaudern.

Natürlich ist Hacke, dem Anlass angemessen, vorbereitet. Zu Lichtenberg selbst habe er nichts geschrieben. Doch komme dieser namentlich in einem Text vor. „Hätte Lichtenberg getwittert?“ lautet der Titel einer erst kürzlich erschienenen Kolumne. Und dann macht sich Hacke seine Gedanken darüber, wie soziale Medien die Umgangsformen verändert haben. Wie die Trolle und Provokateure zum Siegeszug ansetzen, dem man doch besser „souverän und gelassen“ entgegentreten solle.

Zu Gast in der „Stadt der Wissenschaft“ hat Hacke seine Lesung systematisiert. „Wissenschaftlich organisiert“, geht der gebürtige Braunschweiger, der einst auch in Göttingen studierte, „die einzelnen Fakultäten“ durch.

Der Physik ordnet er seine Texte zum Thema „Entkochen von Eiern“ zu und seiner These, dass die Stadt Wolfsburg zeitweise verschwinde. In die Theologie entführt der Autor und Journalist mit seinem aktuellen Buch „Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“, einer Parabel auf das Leben, in der der Schöpfer, unglücklich über die Unvollkommenheit des eigenen Werks, ausgerechnet bei den Menschen Trost sucht. Die Absurdität lauert an jeder Ecke.

Die Erziehungswissenschaften kombiniert Hacke mit der Mathematik. Eine Zuordnung, die sich anbietet, schließlich erteilt „Ich“ seinem Sohn bei den Hausaufgaben eine durchaus fiese Lektion zum Thema Taschengeld. In die Medizin fällt eine Kolumne darüber, wie man sein Glück in die eigene Hand nehmen kann, etwa bei einem japanischen Chirurgen, der seinen Patienten die Handlinien mittels Elektroskalpell umgestaltet. Nebenbei landet Hacke einen großartigen Versprecher, indem er von einer „schwarzen Kasse“ statt einer „schwarzen Katze“ redet. „Davon träumt der Finanzminister“, legt Hacke nach, und stellt klar, dass der Wortdreher „keine Absicht“ gewesen sei.

Ganz entspannt, ein Bein über das andere geschlagen, liest und erzählt Hacke mit seiner angenehm ruhigen Stimme aus seinen Büchern und Kolumnen. Wobei sich bei all den absurden und intelligenten Gedanken- und Wortspielereien auch mal ein leicht bissiger Unterton einschleicht, etwa wenn es um Trump und Putin geht.

Urkomisch wird es in der Rubrik Sportwissenschaften, wo sich Hacke über Fußballer-Namen auslässt und nach „klanglichen Sensationen“ („Dante – fand ich für ᾽nen Fußballer etwas übertrieben“) sortiert, aberwitzige Listen zusammenstellt. Zum finalen Schlag gegen die Lachmuskeln seiner Zuhörer setzt Hacke schließlich mit den Musikwissenschaften und seiner „Weißer-Neger-Wumbaba“-Trilogie an. Da werden aus Grönemeyers „Flugzeugen“ schon mal „Fruchtzwerge in meinem Bauch“ und Carpendale besingt „Schweinespuren im Sand“. In der ersten Reihe krümmt sich eine Zuhörerin vor Lachen und ein Mann wischt sich die Lachtränen aus dem Gesicht.

Ein großes Vergnügen, der Leichtigkeit der Texte und Gedanken zu folgen und dem großen Sprach-Flaneur zu lauschen, der in seinen Zwischenbemerkungen zeigt, dass er nicht nur am Schreibtisch zu verbaler Hochform aufläuft, sondern als Unterhalter mal eben en passant auf der Bühne. Einfach großartig. Punkt. kah

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