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Regional Signal der Festspiele: Stars kommen auch ohne Wedel
Nachrichten Kultur Regional Signal der Festspiele: Stars kommen auch ohne Wedel
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05:01 19.05.2018
Zum Probenauftakt der Bad Hersfelder Festspiele spricht der neue Intendant Jörn Hinkel (rechts) zum Ensemble des Eröffnungsstücks „Peer Gynt“. Links die beiden Schauspieler Christian Nickel (links) und Andre Hennicke (Mitte). Quelle: dpa
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Bad Hersfeld

Die Proben für die Bad Hersfelder Festspiele haben begonnen. Dieter Wedel hat das Theaterfestival in den vergangenen Jahren zum viel beachteten Ereignis gemacht. Der Intendant und Star-Regisseur diverser TV-Mehrteiler („Der Schattenmann“) und Theater-Inszenierungen war im Januar aber nach Sex- und Gewaltvorwürfen von Schauspielerinnen zurückgetreten. Nun, in der ersten Saison der Nach-Wedel-Ära, ist Joern Hinkel für das renommierte Freilicht-Festival verantwortlich. Er war mehr als 15 Jahre engster Mitarbeiter und Stellvertreter von Wedel in der Intendanz in Bad Hersfeld und zuvor in Worms.

Auf Hinkel ruhen die Hoffnungen von Hessens größtem Theaterfestival. Auf ihm lastet aber auch der Druck, die Festspiele ohne die Galionsfigur Wedel in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Der Lehrling muss nun aus dem Schatten seines bekannten Meisters treten, der für millionenschwere Rekord-Etats und Zuschauerrekorde sorgte. „Fraglos war er ein großes Zugpferd für die Festspiele“, räumt Hinkel ein, „aber jetzt haben wir eben viele Zugpferde“, sagt er und verweist auf sein „hervorragendes Team“ an Mitarbeitern.

Hinkel verfügt zweifellos noch nicht über Wedels Meriten. Aber der 47-jährige Berliner ist auch kein Nobody: Er inszenierte bisher zahlreiche Opern und Theaterstücke, aber auch Kurz- und Dokumentarfilme. 2016 bekam er zusammen mit dem Ensemble den Hersfeldpreis für die Inszenierung von „Krabat“.

Peer Gynt inszeniert Robert Schuster

Zum Festspiel-Auftakt am 6. Juli lässt Hinkel in dieser Saison „Peer Gynt“ nach dem Roman von Henrik Ibsen aufführen. Um sich auf die Aufgabe der Intendanz zu konzentrieren, inszeniert Hinkel in diesem Jahr nur ein kleines Stück („Indien“) auf der Nebenbühne in Schloss Eichhof. Für „Peer Gynt“ hat er Robert Schuster als Regisseur engagiert und zahlreiche prominente Schauspieler.

Zum Probenauftakt erschienen am Donnerstag in der Probenhalle etliche auch aus dem Fernsehen bekannte Akteure. Christian Nickel, Andreas Schmidt-Schaller, Horst Janson, Nina Petri, Anouschka Renzi, Pierre Sanoussi-Bliss, André Hennicke, Claude-Oliver Rudolph und Martin Semmelrogge waren dabei. Ihr Signal zum Auftakt: Wir kommen, auch wenn Dieter Wedel nicht mehr für Glamour und Aufmerksamkeit sorgt.

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft

Die Promi-Dichte soll auf der Bühne ähnlich sein wie unter Wedel. Zahlreiche Schauspieler rissen sich in der Vergangenheit darum, mit Wedel zusammenzuarbeiten. Die Affäre um den Star-Regisseur bedeutete aber eine tiefe Zäsur.

Mehrere Schauspielerinnen hatten in Berichten der „Zeit“ schwere Anschuldigungen gegen ihn erhoben. Sie reichen von Schikane und Machtmissbrauch bis hin zu sexuellen Übergriffen und Vergewaltigung. Die Vorfälle sollen viele Jahre zurückliegen und deutlich vor seiner Zeit als Intendant in Bad Hersfeld geschehen sein. Wedel wies die Vorwürfe zurück. Die Staatsanwaltschaft München forscht deswegen nach. „Die Ermittlungen laufen noch, wir können derzeit keine weiteren Angaben machen“, sagte Oberstaatsanwältin Anne Leiding. Wedels Anwalt schweigt.

75 Prozent der Tickets sind vergriffen

Einen Knick in der Entwicklung der Festspiele hat die Affäre dem Vernehmen nach nicht gebracht. Hinkel sieht kein Image-Problem oder negative Folgen. Es gebe keine Einbußen bei den Ticketverkäufen, der Medien-Aufmerksamkeit und bei den Zusagen prominenter Schauspieler und Festspielgäste. Hinkel sagte zum Vorverkauf: „Wir sind auf dem gleichen hohen Niveau der vorigen Jahre, und ich bin zuversichtlich, dass wir eine künstlerisch und wirtschaftlich gute Saison haben werden.“ Laut der kaufmännischen Leiterin der Festspiele, Andrea Jung, sind rund 75 Prozent aller Tickets vergriffen - ein guter Wert.

Auch das Medien-Interesse sei ungebrochen hoch, versichert Hinkel. Für den Gang über den roten Teppich zur Festspieleröffnung in der Stiftsruine hätten sich bereits zahlreiche Prominente aus Politik, Wirtschaft, Film und Theater angekündigt. Das kommt nicht von ungefähr. Denn Hinkel war es, der hinter den Kulissen persönlich die Werbetrommel rührte - und über entsprechende Kontakte verfügt.

Sanfter und kooperativer

Das Ensemble und auch die Zuschauer werden einen anderen Intendanten-Typen erleben als Wedel. „Dass Wedel und ich vollkommen gegensätzliche Charaktere sind, ist nicht zu übersehen. Ich bin vermutlich nahbarer als er und beziehe die Leute mehr in Entscheidungen mit ein“, beschrieb Hinkel im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Aus dem Festspiel-Umfeld ist zu hören, dass Hinkel einen weniger autoritär und hierarchisch geprägten Führungsstil pflege als Wedel. Der Altmeister habe auch mal eine Basta-Mentalität an den Tag gelegt. Hinkel sei sanfter und kooperativer.

Hinkel sagt selbst: „Wedel und ich hatten in der Zusammenarbeit oft unterschiedliche Schwerpunkte. Ihn haben Stoffe um Macht, Politik und Wirtschaft immer sehr interessiert. Mich faszinieren dagegen die Traum-Welten, die Mythen, die das Unbewusste der Figuren sichtbar machen.“ Ein Zeichen für die unterschiedlichen Schwerpunkte sei auch die Wahl des Eröffnungsstückes „Peer Gynt“: „Eine Geschichte voller Dämonen, Trolle und Spukgestalten, ein überbordendes Theaterfeuerwerk, voller Wärme und Humor, eine bezaubernde, traurige, übrigens hoch aktuelle Theater-Fantasie“, erklärte Hinkel.

Von Jörn Perske

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