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Belcea Quartet aus London gastiert in Göttingen

Atemberaubend Belcea Quartet aus London gastiert in Göttingen

Ganz ohne großes Tamtam hat die Göttinger Kammermusikgesellschaft am Sonntag ein Aulakonzert auf Welt­niveau organisiert. Zu Gast war das Belcea Quartet aus London, das zwischen seinen Frühjahrsterminen in Paris, Florenz, Basel, Wien und Tel Aviv Zeit zu einem Abstecher an den Göttinger Wilhelmsplatz mitgebracht hatte.

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Auf Weltniveau: die Musiker des Belcea Quartets begeistern mit lupenreiner Intonation.

Quelle: Heller

Göttingen. In der internationalen Kammermusik-Szene rangiert dieses Quartett in den höchsten Rängen. Für seine Gesamteinspielung der Beethoven-Quartette hat es 2013 den Echo Klassik in der Kategorie „Kammermusikeinspielung des Jahres“ erhalten.

Mit Beethoven beschloss das Ensemble seinen Abend. Zuvor stand englische Musik auf dem Programm: vier Fantasien von Henry Purcell, die ursprünglich für Gamben bestimmt sind, und Benjamin Brittens zweites Streichquartett aus dem Jahr 1945.

Gleich in den Purcell-Fantasien verblüfften die Musiker – die Violinisten Corina Belcea und Axel Schacher, der Bratscher Krzysztof Chorzelski und der Cellist Antoine Lederlin – das Publikum nachhaltig. Eine derart lupenreine Intonation im stilgerecht vibratolosen Spiel erlebt man selten.

Auf barocken Klang getrimmt

Die vier Musiker sind in der Lage, ihre modernen Instrumente ganz auf barocken Klang zu trimmen, der Ausdruck ist hochdifferenziert, das polyphone Geflecht der Stimmen von feinster Transparenz. Und der ganz sparsame Einsatz von Vibrato an etwa drei Stellen erzeugt eine fesselnde Intensivierung des Ausdrucks.

Die gleiche Intensität kennzeichnete ihr Spiel im Britten-Quartett. Hier war ihr Klangfarbenspektrum noch deutlich breiter. Es reichte von gläsern fahlen Klängen bis zu geradezu folkloristisch wilden Ausbrüchen. Einer von denen bescherte dem Bratschisten am Ende des Mittelsatzes eine gerissene Saite.

Tief beeindruckend gestalteten die Musiker das ausgedehnte Finale, eine variationsreiche Chaconne mit einem ganz eigentümlichen Schluss, in dem 23 hartnäckig wiederholte C-Dur-Akkorde im Fortissimo nicht etwa zum Lachen reizen, sondern als Ausdruck höchster Energiedichte eine bohrend-intensive Wirkung entfalten.

Pefektion ist atemberaubend

Die Krone aber hatte sich das Belcea Quartet für den Schluss aufgespart. Die Perfektion, mit der die vier Musiker Beethovens erstes Rasumowsky-Quartett darboten, war schlicht atemberaubend. Sie können so musizieren, als sei das Quartett ein einziges Instrument, sie sind im Ausdruck bis in die feinsten Nuancen hinein völlig kongruent.

Und sie besitzen auch eine einzigartige dynamische Bandbreite. Sie beginnt mit einem unerhört federleichten Pianissimo, das ganz schlank im Ton, dennoch immer vollkommen präsent ist, am anderen Ende steht ein prunkvoll majestätisches, raumfüllendes Fortissimo.

Dass Beethovens kompositorische Meisterschaft unter einem solchen Zugriff strahlend leuchtet, versteht sich von selbst. Nirgends fließt diese Musik einfach nur dahin, immer ist sie ein Ereignis, das der Hörer gebannt verfolgt. Ein phänomenales Erlebnis.

Das Publikum war hingerissen, klatschte und trampelte, dazwischen waren Bravorufe zu hören. Zum Dank spielten die Gäste aus London einen der edelsten langsamen Quartettsätze Beethovens: die Cavatina aus dem B-Dur-Quartett op. 130. Wer das gehört hat, der weiß, was Glück ist.

Von Michael Schäfer

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