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Beschädigte Seelen auf dem Patronen-Teppich

Premiere von „Soldaten“ Beschädigte Seelen auf dem Patronen-Teppich

Schwere Balken halten die Decke, der Raum ist dunkel, unübersichtlich. Manche der Fensterscheiben im Inneren sind zerbrochen, es ist kalt. Die Saline Luisenhall ist Kulisse, Kaserne, Bunker – Lebenswirklichkeit der Figuren des Theaterstücks „Soldaten“.

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Harte Jungs: NIkolaus Kühn, Leif Scheele und Andreas Jeßing (von links) als Soldaten.

Quelle: Winarsch

Am Freitag hatte das vom Deutschen Theater Göttingen und der Werkgruppe 2 erarbeitete Bühnenwerk hier Premiere. Ein runder Teppich aus Patronen ist raumbeherrschendes Element. Als Bild für ein Schlachtfeld kann er gelesen werden oder für die beschädigte Seele der aus dem Krieg Kommenden stehen. Das Stück will ganz nah heranführen an die Traumatisierten, zwingt den Zuschauer, jede Distanz aufzugeben. Zwei Stuhlreihen rings um die Fläche aus Patronen stehen für das Publikum bereit. Dort nehmen auch die fünf Darsteller Platz, die die Soldaten verkörpern, manchmal agieren sie im Raum. Das Arrangement erinnert an eine Therapiesitzung. Dass die Männer Schauspieler sind, gerät in der 90-minütigen Vorstellung in Vergessenheit. Ihr Spiel ist naturalistisch, und das ist eine der Stärken der Inszenierung. Während die Männer bisweilen schmerzhaft detailliert von Kriegseinsätzen, Ängsten, Wahnvorstellungen berichten, spiegelt sich in den Gesichtern der Zuschauer Betroffenheit und Erschütterung. Alle Rollen basieren auf Interviews, die das Team um Regisseurin Julia Roesler im Vorfeld mit Bundeswehrsoldaten geführt hat.

Emotionslos, hart und monoton lässt Roesler die Schauspieler meist sprechen. Zu verdrängten und verschütteten Gefühlen dringt unter anderem eine musikalische Parallel-Ebene vor. Einige Mitglieder des Göttinger Knabenchors wirken mit, und es kommt schon einem Geniestreich gleich, sie in das Projekt hineinzuholen. In Uniform aufgereiht stehen die Jungen im Hintergrund, singen vom Kriegseinsatz mit zerbrechlichen Kinderstimmen und schaffen so ein Gegengewicht zu den traumatisierten Erwachsenen, die in den Gesang mit einem Tonfall von Vorfreude einstimmen.
Ganz ohne dramatische Handlung gelingt es fünf überragenden Schauspielern, das Publikum zu fesseln. Allen voran überzeugt Karl Miller mit seiner magnetischen Darbietung als desillusionierter, zerrütteter junger Mann. Vereinzelt treten Licht- und Klangeffekte zu den Schilderungen hinzu. Ein wiederkehrendes Klicken von Patronen lässt Nervosität und Unruhe spürbar werden. Düstere Klänge auf dem Bass (Bernhard Meyer) kommen aus einer dunklen Ecke, ergänzen, was verbal nicht zu vermitteln ist. Ein Lichteffekt stellt eine eindringliche Schlussszene her, in der das Publikum mit zwei Soldaten eine schlaflose Morgendämmerung durchlebt: Beide Männer waren dabei, als bei einem Anschlag auf einen Fahrzeugkonvoi sechs Männer starben. Den einen (Andreas Jeßing) verfolgen die Bilder, Gerüche, er durchlebt den Ablauf bis ins letzte Detail. Den anderen (Karl Miller) quälen Selbstvorwürfe. „Ich saß im Führungsfahrzeug, ich hätte das absehen müssen“, wiederholt er mit gepresster Stimme. „Es war der größte Fehler meines Lebens.“

Über Kriege wird im medialen Diskurs gesprochen, die Perspektive derer, die den Einsatz durchführen, kennt die Öffentlichkeit wenig. Darum ist die Arbeit des Teams um Regisseurin Roesler nicht nur künstlerisch bemerkenswert, sie leistet auch gesellschaftspolitisch einen herausragenden Beitrag. Eine Minute lang herrschte nach der Aufführung völlige Stille, am Ende erhoben sich fast alle zum Applaus.

Nächste Vorstellungen von „Soldaten – Ein szenisch-musikalischer Einsatzbericht“ am 27., 28. Juni, 2. und 3. Juli um 19.30 Uhr, am 3. Juli auch um 15.30 Uhr und auch während der Theaterferien im August und September in der Göttinger Saline Luisenhall, Greitweg 48. Kartentelefon 0551 / 4969-11; dt-goettingen.de.

Von Telse Wenzel

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