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Regional Boat People Projekt inszeniert Theater mit Senioren im Pflegeheim
Nachrichten Kultur Regional Boat People Projekt inszeniert Theater mit Senioren im Pflegeheim
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18:49 23.04.2013
Von Peter Krüger-Lenz
Arbeit am Text: Franziska Aeschlimann (li.) und Emmy von Eiche. Quelle: EF
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Göttingen

Die Leitung der Pro-Seniore-Residenz am Friedländer Weg unterstützte das Projekt.

Einmal pro Woche hingehen und mit den Alten proben, so lautete der Plan. Am Ende waren Regisseurin und Regisseur beinahe täglich in dem Pflegeheim, spielten Karten, hörten zu, entwickelten Ideen und am Ende stand eine Premiere, von der Chevallerie vorher sagte, es werde eher eine Performance als Theater. Warum? Die Pro-Seniore-Residenz ist ein Pflegeheim.

Die Bewohner leiden an Gebrechen, häufig verbunden mit Demenz. „Und manchmal erzählen die Akteure nicht das, was abgesprochen ist, sondern das, wozu sie Lust haben“, erklärt Chevallerie. So war das auch bei der Premiere, dem Erfolg des „Ensembles der Funktionslosen“ tat das keinen Abbruch.

Nach dem Tod „kommt gar nichts“

Er sei verabredet mit Frau Hackenbichler, sagt Chevallerie, „und jetzt ist sie wieder nicht da.“ Die Seniorin ist eine der wenigen, die sich dem Charme der Theatermacher entzogen. Viele machten mit, einige starben vor der Premiere. Ute Woyna beispielsweise. Oder Inge Renneberg. Chevallerie hat sie gefilmt bei Überlegungen zur Frage, was nach dem Tod kommt: „Ich glaube, da kommt gar nichts“, hatte sie geantwortet.

Natürlich ist die Frage nach dem Danach eine, die bei einer solchen Produktion nicht zu umgehen ist. Es gibt andere Themen, die ebenso zwangsläufig auftauchen. Der Krieg ist häufig in der Erinnerung konserviert und die Frage nach dem, was Eltern von den Nazi-Gräuel wussten. Doch die Senioren beschäftigt auch anderes.

Sigrid Mahnke, die mit der rauen Schale, erinnert sich an den Spaß, den sie hatten, damals, als sie am Rosenmontag zum Oberbürgermeister zogen und sie mit dem Polizeipräsidenten tanzte. Ernst Golla, mit 96 Jahren der Älteste der Bühnenakteure, blickt zurück auf 69 Jahre Ehe mit Gertrud, ein Leben „wie im Fünf-Sterne-Hotel“.

Mit 17 die erste Kanone

Den 70.Hochzeitstage wollen beide noch erleben, sagt Golla. Mit ihm und Uwe Müller spielt Chevallerie einmal pro Woche Skat. Dazu gehen sie in den Männerraum, einige Pinups hängen dort, verrät Chevallerie. Müller findet Theater nicht gut, dafür aber Film. Deswegen erzählt er seine Geschichte auch nur vor der Kamera. Mit 15 der erste Einbruch, mit 17 die erste Kanone. Bald dann auch eine Frau und ein Kind. Die sterben bei einem Brand. Müller erzählt und leidet furchtbar dabei.

Wolfgang Rosenplänter ist ein attraktiver Mann mit markant geschnittenem Profil, vollem Haar und dichten dunklen Augenbrauen. Mit ihm will Pfleger Martin, gespielt von Produktionsassistent Martin Jurk, über seine Träume reden. „Mit fällt nichts mehr ein“, bekundet der Senior. Und dann soll es noch um eine Kapitulation gehen, wieder der Krieg. Doch Rosenplänter findet den Faden der Geschichte nicht, Demenz.

Völlig gegensätzlich erscheinen Ulrich Boll, der dampfplaudernd durch den Abend führt, und Ferdinand von Reizenstein, der stumm neben der Bühne sitzt und zeichnet. Der Ur-Göttinger Gustav Kannenberg singt und bringt einen Sketch.

Star des Abends

Der Star des Abends ist Emmy von Eiche, „die Marlene Dietrich oder Zarah Leander“, kündigt Chevallerie sie an. Sie singt „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, Chevallerie sorgt flüsternd für den richtigen Text.Eiche legt temperamentvoll los. Beeindruckend, berührend und zauberhaft. Allein dafür hat sich die Arbeit schon gelohnt.

Weitere Vorstellungen, jede ein Unikat: 26. und 27. April um 19 Uhr, am 28. April um 16 Uhr in der Pro-Seniore-Residenz, Friedländer Weg 55a in Göttingen.

Ausstellung zum Stück

 Während der Arbeit an der Theaterproduktion „Alte Träume“ in der Pro-Seniore-Residenz hat Regisseur Reimar de la Chevallerie eine Reihe ausdrucksstarker Porträts von Bewohnern des Pflegeheims fotografiert.

Auch Videos mit Gesprächen sind  entstanden. Eine Auswahl davon ist derzeit in der Torhaus-Galerie, Kasseler Landstraße 1, zu sehen.

Die Ausstellung läuft bis 17. Mai freitags bis sonntags von 14 bis 17 Uhr.

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