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Brüchige Bergrücken gefalteter Pappen

Malerei von Erhard Joseph im Künstlerhaus Brüchige Bergrücken gefalteter Pappen

Wie dicker, schwerer Puder liegt das dunkle Violett auf dem helleren, rötlichen Blau, das an Mönchskutten erinnern mag. Seine Oberfläche wirkt wie Samt, sie schimmert weich und erhebt sich, als wäre sie sachte aufgeflockt.

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Harmonische Verbindung von Farbgegensätzen: Erhard Joseph vor einem seiner großformatigen Bilder.

Quelle: Theodoro da Silva

Man möchte mit dem Finger darüber streichen, ausprobieren, ob der Tastsinn der Augen nicht täuscht. Komplementär grenzt Indisch Gelb an die helle Fläche, ein wenig pulverisiertes Kadmiumorange belebt die oberste Schicht.

Der Wibbecker Maler und Bildhauer Erhard Joseph, dessen Ausstellung „Farbsonaten“ derzeit im Künstlerhaus zu sehen ist, hat für dieses Bild symmetrisch gefaltete Pappe auf Tafeln von Sperrholz gebracht. Die Bruchkanten der papierenen Unterlage geben großen Rauten, Dreiecken und rechteckigen Flächen Form, sie sind in Schichten mit Ölfarbe bemalt und lose mit Pigmenten bestreut. Die feinen Partikel sammeln sich an den Abhängen zu dichten Teppichen, laufen aus zu lichten Nebeln und geben den Blick auf die darunterliegende Schicht frei. An den schmalen Graten trennen sich die Farben. Wwie bei einem Gebirge zeigt sich die Wetterseite dunkler, bemoost, bewachsen. Es leuchten die Farben wie im Spiegel der Tageszeiten, beziehen ihre Kraft aus ihrer Basis, aus Schicht um Schicht der Überlagerung. Joseph macht sich die Geschichte der Maltechniken von Unter- und Übermalungen zunutze.

Wie die Farben sich an den Graten trennen, bestimmen in formaler Hinsicht Gegensätze die Bilder. Die starke Geometrisierung steht dem pudrigen Zufall gestreuter Pigmente ebenso gegenüber wie den brüchigen Bergrücken gefalteter Pappen oder kleinen Klumpen und Krümeln. Die Kontraste von hellen und dunklen oder von komplementären Farben verstärken einander in der Wirkung, stumpfe und flimmernde Parzellen lösen sich ab, ruhige und rastlosere Farbfolgen stehen nebeneinander, Magenta neben Rot, Smaragd unter feurigem Orangerot, große an kleinen Formen. Erdigere Phasen stechen gegen artifiziell anmutende ab, Anhöhen gegen Ebenen – und doch, am Ende verbinden sich die Gegensätze weit mehr per Intuition denn durch Konstruktion zu einem Ganzen, das nicht anders als armonisch zu nennen ist.

Der tonsichere, proportionierte Einklang hat oft einen langen, sehr eigenen und immanenten Weg hinter sich. „Es gibt Tage, an denen ich nur verkleinere“, sagt Joseph und schildert, wie er die Spanplatten mit der Flex zerteilt, „und solche, an denen sich plötzlich alles zu einem Ganzen zusammenfügen lässt.“ Auf diese Weise haben die Bilder nicht zuletzt vielleicht auch einen bildhauerischen Aspekt, wachsen vor allem aber über Jahre. Einige der kraftvollen Exponate sind in den 1990er Jahren begonnen worden, immer wieder bearbeitet, bemalt, bestreut. Solange, bis es für Joseph stimmt, solange, bis die Gegensätze konstitutiv sind.

Die Ausstellung ist im Künstlerhaus Göttingen, Gotmarstraße 1, bis zum 17. Oktober dienstags bis freitags von 16 bis 18 Uhr und sonnabends sowie sonntags von 11 bis 13 Uhr zu sehen.

Von Tina Lüers

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