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Bühne unter kindlichem Beschuss

Dramatische Beobachtungen Bühne unter kindlichem Beschuss

Am Ende kracht es gewaltig: Der Schreibcontainer des Deutschen Theaters (DT) steht unter Beschuss. Kinder haben sich um das rote „Raumschiff“ geschart und verballern Munition aus Erbsenpistolen. Provokativ, hitzig erregt und sehr stolz darüber, dass sich seit Wochen alles um sie dreht. Am Freitagabend nun die Premiere. Das Stück, das gefeiert wird, heißt „Schneegrone“.

Geschrieben hat es Paul Brodowsky im Rahmen des DT-Projekts „Stadt in Zukunft“ seit Mitte November in der mobilen Theaterbühne, die auf dem Jonaplatz ein wenig wie von einem anderen Stern anmutet. Recherchiert hat er vor Ort. Und so ist Theater über und letztendlich auch mit den Bewohnern des Viertels entstanden. Im Tenor hat er sich an das Gehörte gehalten, die Wortwahl aber verfremdet. So wird aus dem „Kanacken“ ein „Kanalarbeiter“ aus dem „Huren-“ ein „Bauernsohn“. Das klingt ein wenig verspielt und netter.

Wenn ein Hausmeister mit Blockwartmentalität, ein Russe, ein Libanese und ein schönes Mädchen aufeinander treffen, geht das nicht ohne Reibungsverluste. „Schneegrone“ ist eine Inszenierung bei der zwar der Text feststeht, sonst aber wenig. Die Schauspieler – Dominik Bliefert, Ingrid Dormann und Gerrit Neuhaus – müssen auf das reagieren, womit sie von draußen konfrontiert werden. Gleich zu Beginn der Aufführung haben sich feixende Kinder auf dem Platz versammelt. Als es in Brodowskys Text heißt: „Ich höre doch Kinder lachen“, dringt wie auf Abruf Gelächter durch die Scheiben –Teil der Inszenierung ist das nicht, aber glückliche Fügung. Das Ensemble macht seinen Job gut. Es lässt sich keine Irritation anmerken, auch nicht, als einige Kinder ständig rein und raus laufen.

Sehr spezielle Arbeit

So ist interaktives Theater geglückt, das Regisseur Martin Zepter geplant nur mit großem Aufwand hätte inszenieren können. Für Brodowsky ist das Arbeiten auf dem Jonaplatz sehr speziell gewesen. „Guckkastentheater hat andere Qualitäten“, resümiert der 29-Jährige. Ein wenig habe er bedauert, dass sein Text im allgemeinen Tumult oft nicht richtig zur Geltung gekommen sei.

DT-Intendant Mark Zurmühle war mit der Aufführung äußerst zufrieden. Gern würde er während eines neuen Projekts Jugendliche in eine Inszenierung einbeziehen. Das gehe allerdings nicht ohne finanzielle Unterstützung.

„Schneegrone“ wird am 5. und 14. Dezember auch vor dem Deutschen Theater gespielt. Ohne die Groner Kinder wird die Aufführung zweifellos eine ganz andere sein: Konzentrierter, aber auch reduzierter und längst nicht so authentisch wie auf dem Jonaplatz, der mit all seinen Menschen sicherlich die beste Kulisse für das Stück geboten hat – am Rand und mittendrin.

Von Eida Koheil

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