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Bushaltestellen im Nirgendwo

Selbstversuch Bushaltestellen im Nirgendwo

Was motiviert einen Autor, mutterseelenallein durch Polen, die Ukraine und Russland zu radeln? Noch dazu über einen beachtlichen Zeitraum von 103 Tagen? „Ich wollte mir das Rauchen abgewöhnen und das Schreiben auch“, schildert Christoph D. Brumme eher nüchtern. „Das mit dem Rauchen hat ebenso wenig geklappt wie mit dem Schreiben“, seine Augen verlassen die Zuhörer und wandern zurück auf sein Reisetagebuch, aus dem er einige Passagen liest.

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Wie unter Freunden: Autor Christoph D. Brumme (links) im Gespräche mit Claus Güntzel.

Quelle: Heller

Kaum verwunderlich – hat der Schriftsteller doch vor einigen Momenten noch versichert, den Stift seit seinem 15. Lebensjahr keinen Tag aus der Hand gelegt zu haben. Obwohl beide Vorsätze während jenes Abenteuers im Sande verliefen, sind es andere Etappenziele, die Brumme beflügeln: der Austausch mit russischen Dörflern, die Einladungen zu diversen Wodkarunden, Momente, in denen er „ukrainische Erde riecht“. Solche Randbemerkungen lassen diese Lesung lebhaft und individuell erscheinen.

„Hausbesuch“ heißt die Reihe, in der das Literarische Zentrum Göttingen in regelmäßigen Abständen Autoren und Besucher in privaten Wohnungen zusammenbringt. Diese Idee ist großartig – auch die Umsetzung am Sonnabend geht vollends auf. Ganz intim, wie unter Freunden, plaudert der gebürtige Niedersachse mit den zahlreichen interessierten Gästen. Bei einem Glas Wein spickt er seine Reiseerlebnisse aus drei Monaten mit Anekdoten und gelungenen Fotos. Zu sehen sind verlassene Landschaften, Tagelöhner bei ihrer Arbeit und immer wieder die schönsten Bushaltestellen aus Mosaiksteinen im Nirgendwo.

Von Berlin nach Saratov

Brumme fuhr von Berlin über Krakau, den Dnjepr in der Ukraine bis nach Saratov an der Wolga, „einer Stadt, die süchtig macht“. Insgesamt eine Strecke von 8500 Kilometern. Ganz spartanisch, nur mit einem Zelt im Gepäck, lebt der russisch sprechende Brumme zwischen Ende Mai und Anfang September 2007. Ob er zwischendurch auch mal in den Zug gestiegen sei, will ein Zuhörer wissen. „Nein wieso, diese Idee ist völlig absurd“, so der Autor, „schließlich habe ich mich an mein furznormales Fahrrad gewöhnt“.

„In schlichter, präziser Sprache nimmt einen dieses Reisetagebuch an Orte mit, die man so noch nicht kannte“, hieß es im Vorfeld vom Veranstalter. Dass man als Zuhörer tatsächlich die Lust entwickelt, im ähnlich unkomfortablen Stil zu reisen, spricht sowohl für den Autor als auch für einen rundum gelungenen Abend.

Von Katharina Bednarz

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