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Catherine Turocy inszeniert Händels „Teseo“

Festspieleröffnung mit glanzvoller Opernpremiere Catherine Turocy inszeniert Händels „Teseo“

Es stimmt, in ihrer Handlung sind sich viele barocke Opern ziemlich ähnlich. Es ist genau so wie in 90 Prozent aller gängigen Fernsehfilme: Das Paar, das füreinander bestimmt ist, erlebt auf dem Weg bis zum glücklichen Ende viele Schwierigkeiten, die bisweilen das Glück am Horizont arg verdunkeln. Doch am Schluss ist das Böse besiegt, das Gute triumphiert, man liegt sich in den Armen.

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Dämonische Leidenschaft: Dominique Labelle als Medea verzaubert nicht nur die Bühne, sondern auch das Publikum

Quelle: Theodoro da Silva

Wer will, kann auch Händels „Teseo“ auf ein solches Schema reduzieren. Doch damit täte man dieser Oper Unrecht. Dass Teseo am Ende seine geliebte Agilea zur Frau bekommt, ist zwar der Zielpunkt der Handlung, aber eher ein Nebenaspekt. Denn was das dramatische Gewicht der Rolle angeht, könnte die Oper auch „Medea“ heißen. Diese Frau, mit Zauberkräften begabt und aller Leidenschaften fähig, ist die zentrale Figur der Handlung.

Catherine Turocy hat in ihrer Inszenierung der Oper, mit der am Freitag die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen gestartet sind, in einen barocken Rahmen gestellt. Für das stilgerechte Bühnenbild und die kostbaren Kostüme waren – wie 1991 bei McGegans Göttinger Start mit „Agrippina“ – Scott Blake und Bonnie Kruger verantwortlich.

Dazu hatte Turocy sechs Tänzerinnen und Tänzer ihrer New York Baroque Dance Company mitgebracht, die die hohe Kunst der graziösen, fein ziselierten Schritte und Gesten aus den USA wieder zurück in die Weltregion bringen, in der sie einst entstanden war. Kontrapunkt zum barocken Ambiente ist eine Projektionsfläche über der Bühne des Deutschen Theaters, in der sich mittels Live-Videoeinspielungen und Internet-Einblendungen die Gegenwart einbringt: Das ist nicht etwa als zusätzlicher Gag zu verstehen, sondern gehört in einen Zusammenhang mit der Vorbereitungsphase dieser Inszenierung. Da nämlich boten ein Internet-Blog und Facebook-Kontakte, die auch von Göttinger Schülern betreut wurden, Jugendlichen und Heranwachsenden die Möglichkeit, sich dieser ihnen völlig fremden Welt auf eine sehr zeitgemäße Weise zu nähern.

Von der Musik kann man nur schwärmen. Dominique Labelle in der Rolle der Medea war in Glanzform: traumhaft sicher in den Koloraturen, ungeheuer reich an Ausdrucksqualitäten bis hin zur schwärzesten Rachsucht und zu hell lodernder Eifersucht. Angesichts ihrer beherrschenden Bühnenpräsenz müssen die übrigen Protagonisten sehr viel leisten. Das tut beispielsweise Amy Freston als Agilea mit ihrem bezaubernden Sopran ebenso wie Susanne Rydén als Teseo, auch wenn die schwedische Sopranistin am Premierenabend noch von den Folgen einer Erkrankung stimmlich beeinträchtigt war.

Ein Phänomen ist der Altus Drew Minter, in Göttingen mindestens seit 1990 auf der Bühne: Seine Koloraturenfreudigkeit ist ungebrochen, dazu verleiht er mit viel Charme und spielfreudiger Karikierungslust der Figur des Egeo scharfe Konturen. Eine ähnliche Spielfreude ist bei Robin Blaze (Arcane) zu spüren, seine Partnerin Céline Ricci (Clizia) hätte man hier und da sogar fast noch bremsen können. Ein besonderes Glanzlicht setzt die junge Göttinger Sopranistin Johanna Neß, die nicht nur mit der göttlichen Macht der Minerva, sondern auch mit strahlend schönem Sopran der Liebe am Ende zum Sieg verhilft.

Die wesentlichen Impulse, das hat sich auch in 21 Jahren nicht verändert, kamen vom Dirigenten Nicholas McGegan, der den ganzen Apparat gut dreieinhalb Stunden lang unter nirgends nachlassender Spannung hält. Sein begeistert mitgehendes Orchester hatte am Premierenabend noch ein paar kleine Probleme, doch die dürften nach der zweiten, dritten Vorstellung vergessen sein. Der finale Jubel wollte kaum ein Ende nehmen.

Weitere Vorstellungen am Mittwoch, 8., und Montag, 13. Juni um 19 Uhr sowie am Sonntag, 12. Juni, um 15 Uhr. Es gibt noch Restkarten: unter anderem beim GT-Ticketservice.

Von Michael Schäfer

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