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Charmanter Schöngeist mit rollendem R

Kaminer liest in der Musa Charmanter Schöngeist mit rollendem R

Tönen da etwa erste kritische Stimmen? Der Kaminer schreibe ja nur über seine Kinder. Und über seine Verwandtschaft. Kann man ja nicht mehr hören. Vereinzelt taucht solche Kritik tatsächlich auf an dem in Russland geborenen Autor Wladimir Kaminer, der nun schon seit fünfzehn Jahren in Deutschland lebt – aber wirklich nur ganz vereinzelt.

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Gebürtiger Russe mit deutschem Pass: der Autor Wladimir Kaminer.

Quelle: Heller

Der Saal der Göttinger Musa am Dienstagabend bei Kaminers Lesung war jedenfalls so komplett besetzt wie seine Auftritte in Göttingen in den vergangenen Jahren in der Regel ausverkauft. Diesmal war der Eintritt sogar frei. Denn die niedersächsische Landtagsfraktion der Partei Die Linke hatte neben eigenen Spitzenkräften Kaminer zu einer Wahlkampf-Veranstaltung nach Göttingen gelotst.

Erst wurde ein bisschen über Politik gesprochen, dann kam „der zweite Teil des Deals“, so Diether Dehm, Mitglied des Linke-Parteivorstandes und europapolitischer Sprecher seiner Bundestagsfraktion, zu Kaminer – der daraufhin las.

Kaminer ist ein Schöngeist. Mit seinen schlanken und gepflegten Pianistenfingern illustriert er gerne Gesagtes. Verschmitzt schaut er aus seinen großen Augen, was offensichtlich vielen der Besucherinnen gut gefällt. Er zeigt sich immer charmant und rollt das R so russisch wie sonst nur die Don Kosaken.

Kaminer ist gebürtiger Russe mit deutschem Pass, womit das Feld schon abgesteckt ist, auf dem er sich tummelt: Als Deutscher blickt er auf seine russischen Ex-Landsleute, als Eingewanderter schaut er mit großem Erstaunen auf das Leben in Deutschland. Dass dabei Verwandte und Nachbarn in den Blick geraten, liegt in der Natur der Sache.

Sie sind Kaminer halt am nächsten. Klein wirken die Geschichten. Sie sind immer humorvoll, und am Ende hat jeder das Gefühl, etwas von der Welt verstanden zu haben. An diesem Abend hilft beispielsweise Onkel Wanja dabei, den Kaminer am Berliner Hauptbahnhof vom Zug aus Russland abholte, „ein Zug, von dem keiner weiß, wann er ankommt“.

Der Onkel glaube immer, in deutschen Restaurants etwas umsonst zu bekommen, erzählt Kaminer und erklärt ganz nebenbei den Sinn des Kommunismus, des „Senfbrot-Kommunismus“ nämlich. Brot gab es in russischen Kantinen einst umsonst, auch Salz, Pfeffer und eben Mostrich wurden kostenlos dazu gestellt. Den mittel- und anspruchsarmen Onkel habe das ernährt, erzählt Kaminer.

Immer wieder schweift er ab, brav entschuldigt er sich dafür – alles Teil der Inszenierung. Er erzählt von der Einführung der kurzen Hose in Russland und von nach Jahrzehnten noch leuchtenden Beinkleidern, gefertigt aus einem Stoff, mit dem die Sowjetunion die Sonnenstrahlen umlenken wollte. Rote Würstchen und Nudeln aus seiner Heimat fallen ihm ein, beides „magische Lebensmittel, weil sie sich beim Kochen im Topf  auflösen“.

Inzwischen ist Kaminer auch deutscher Kulturbotschafter, der mit seiner legendären „Russendisco“ sogar in die USA geschickt wird – aber nicht in dieses Amerika an den Küsten, das wie Europa aussieht, sagt Kaminer. Er sei „im Herzen Amerikas gewesen. Dort, wo bewaffnete Menschen ohne Zähne gegen eine Krankenversicherung sind, die sie doch brauchen.“

Zwischendrin lässt sich Kaminer von den Veranstaltern einen Rotwein bringen. Am Ende dann trinkt er mit seinem Publikum „auf ein Leben mit Sonne und ohne Atomkraftwerke“. Das ist konsensfähig. Dass er allerdings den Versuch des Linke-Parteivorsitzenden Bernd Riexinger, „bei einer Bank ein Gewissen zu finden“, „naiv“ nannte, mag ein wenig für Verdruss gesorgt haben.

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Kat Frankie eilt der Ruf voraus, sich gänzlich in ihre Arbeit, das Musik machen, zu vergraben. Musik ist ihr weniger Zeitvertreib als vielmehr eine ausgesprochen ernsthafte Sache – seit sie in Berlin lebt. In der Hauptstadt Deutschlands gründete die 34-jährige Australierin ihr eigenes Label.

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