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Chor und Orchester in der Jacobikirche

Tiefe Trauer und tröstende Gedanken Chor und Orchester in der Jacobikirche

Das Ende des Kirchenjahres, also die Zeit um den Totensonntag, ist der übliche Termin für Aufführungen eines Requiems. Doch viele Gründe lassen sich finden, von dieser Tradition abzuweichen: Schließlich sollte man doch wohl nicht nur einmal im Jahr über das Sterben nachdenken.

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Kooperation: Musiker des Göttinger Symphonie Orchesters und der Chor der Jacobikantorei.

Quelle: Heller

Das geschieht in Göttingen in diesem Februar gleich zweimal. Stefan Kordes, Kantor der Göttinger Jacobi-Kirche, hatte das Deutsche Requiem von Johannes Brahms am Sonntag aufs Programm gesetzt. Sein Kollege Bernd Eberhardt folgt am Sonntag, 20. Februar, mit dem Requiem des zeitgenössischen Schweizer Komponisten Carl Rütti in St. Johannis.

Weil das Brahms-Requiem nicht abendfüllend ist, bedarf es einer Ergänzung. Dafür hatte Kordes – dramaturgisch ausgesprochen klug – die „Tragische Ouvertüre“ von Brahms und die „Kindertotenlieder“ von Gustav Mahler gewählt, zwei Werke, die vom Affekt und inhaltlich hervorragend zu den Tröstungen des Requiems passen.

Gefasstes Pathos ist die Grundstimmung der Brahms-Ouvertüre. Dafür brachten die Instrumentalisten des Göttinger Symphonie Orchesters die besten musikalischen Voraussetzungen mit. Sie spielten diese Musik mit ernster Eindringlichkeit und stimmten damit das Publikum sensibel auf Mahlers „Kindertotenlieder“ ein.

Tiefe Trauer und tröstende Gedanken liegen in diesen Liedern dicht beieinander, was sich stellenweise in überraschenden Wendungen von Moll nach Dur manifestiert. Diese Stimmungswerte überzeugend darzustellen ist vor allem für die Gesangssolistin eine Herausforderung. Die Mezzosopranistin Anna Haase meisterte diese Aufgabe mit differenziert gestaltetem Ausdruck. Ihre Textartikulation war untadelig, ihre Stimmkraft vor allem in den höheren Lagen eindrucksvoll, auch in den ins Piano zurückgenommenen, klangschönen Linien. Kordes baute mit dem GSO viel Spannung auf und spürte den Mahlerschen Klangfarben mit viel Delikatesse nach.

Diesem anrührenden Beginn des Abends setzte Kordes mit dem Brahms-Requiem eine nicht minder bewegende zweite Hälfte entgegen. Er konnte den großen Chor der Jacobi-Kantorei in Bestform präsentieren, dazu in einer ungewohnten, aber akustisch überzeugenden Aufstellung, bei der Sopran und Tenor in der Mitte platziert sind, an beiden Seiten flankiert von Alt und Bass, die daher von rechts und links zu hören sind.

Der Chorklang hatte strahlende Höhen in den Sopranen, beachtliche Kraft in den Männerstimmen, war durchweg kernig und immer transparent, auch in den vielen, kraftvollen Forte-Ausbrüchen. Dazu war die Artikulation gut ausgearbeitet, die dynamische Bandbreite reichte bis in substanzreiches Piano – vom dem man allerdings gern noch etwas mehr gehört hätte.

In der Auswahl der Solisten hatte Kordes eine glückliche Hand. Andreas Scheibners strahlender, bruchlos bis in hohe Lagen reichender, enorm stimmstarker Bass konnte sich in den beiden Soli wunderbar entfalten, selbst über einem ungedämpften Orchester-Fortissimo. Und die Sopranistin Nathalie de Montmollin traf mit ihrem Solo „Ihr habt nun Traurigkeit“ die Zuhörer im Innersten: mit großen melodischen Bögen, die wie eine leuchtende Linie über dem Tuttiklang schwebten. Das GSO bot den Singstimmen auch in den von Kordes bisweilen vergleichsweise schnell angesetzten Tempi stets eine zuverlässige Basis. Klangschöne Soli, etwa Violoncello, Flöte oder Englisch Horn, standen ebenfalls auf außerordentlich hohem Niveau.

Der lang andauernde, begeisterte Schlussapplaus setzte erst nach langen Momenten ergriffener Stille ein. Das zeigt, wie tief dieser Abend die Zuhörer bewegt hatte. Man kann ihn mit Fug zu den Gipfelpunkten der Kantorei-Geschichte mindestens der vergangenen fünf Jahre zählen.

Von Michael Schäfer

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