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Cindy aus Marzahn in der ausverkauften Göttinger Stadthalle

Pinke Parallelwelt Cindy aus Marzahn in der ausverkauften Göttinger Stadthalle

„Is datt Leben noch so oll, think it einfach bjutiful.“ Das ist das Motto der Comedy-Figur Cindy aus Marzahn – und eigentlich auch das von Ilka Bessin, die laut eigener Aussage zu 80 Prozent ihre Rolle verkörpert. Die Göttinger Stadthalle ist schon lange ausverkauft.

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Beim Improvisieren fast schon genial: Cindy aus Marzahn.

Quelle: Theodoro da Silva

Göttingen. Das war sie bereits, als die Flyer für die Show gedruckt wurden. Mehr als 1000 Zuschauer wollen die Prinzessin aus dem Plattenbau sehen. Sie haben zwei Stunden pinke Parallelwelt gekauft.

Das Cindy-Fieber ist im Publikum weit verbreitet. Viele tragen rosafarbene Kleidungsstücke, ein kleines Diadem im Haar oder die überdimensionalen Ansteckblumen, die sich Cindy als Markenzeichen stets wie ein Sahnehäubchen auf den Kopf setzt, um ihr Erscheinungsbild zu optimieren – oder es noch bizarrer zu gestalten – man weiß es nicht. Was man weiß ist, dass die wohlbeleibte Berlinerin eine steile Karriere hingelegt hat.

Die gelernte Köchin ist mittlerweile die bessere Hälfte von Markus Lanz in „Wetten, dass...“ und moderierte ihr Stand-Up-Programm auf einem privaten TV-Sender. Viermal hintereinander gewann die 41-Jährige den Deutschen Comedypreis. Ende 2012 wurde sogar die New York Times auf das deutsche Phänomen aufmerksam und versuchte die „übergewichtige 1,90-Walküre“ zu ergründen.

XXL-Lollis an die jüngsten Fans

Ihren Fans dürfte jegliche Kulturkritik herzlich egal sein. An diesem Abend geht es ums Lachen. Ums trotzdem lachen und sich dabei nicht so ernst nehmen. Und wer könnte authentischer diese zynische Leichtigkeit im Angesicht der Aussichtslosigkeit verkörpern als Cindy alias Bessin, die im echten Leben jahrelang Harz IV beziehen musste und sich dabei fast aufgab. Aber nur fast.

Der Einstieg in ihr drittes Tournee-Programm ist fulminant. Auf den schlecht gesungenen Song zu Beginn hätte man vielleicht verzichten können, aber Cindys spontane und interaktive Bühnenpräsenz ist einzigartig.

Sie verteilt XXL-Lollis an ihre jüngsten Fans, die diese mit ihren Klassenkameraden teilen sollen, und bittet einen persischen Zahnarzt auf die Bühne, den sie zuvor zufällig im Kentucky Fried Chicken getroffen hatte („Wir haben uns heute in der Stadt ein bisschen umgesehen“), und schlägt aus dieser Begegnung komödiantisches Kapital.

Das Publikum johlt. Sie schenkt ihm einen pinken Jogginganzug, er soll jetzt der „Arsch des Abends“ sein, wollte er sie doch ernsthaft auf eine Cola Light einladen.

Impro kann sie, da ist sie beinahe schon genial. Im einstudierte Teil lässt sie sich inmitten ihrer Candy-Shop-Bühne auf ihren Herzchen-Thron nieder und erzählt von ihrer besten Freundin Pritney, die in ihrer Lieblingskneipe jetzt Hausverbot hat: „Die hat sich da nackich auf‘n Tresen jelegt, den janzen Körper mit Mett bestrichen und jerufen; Fuck the Hack, fuck the Hack.“ Die Gags zünden, aber es sind nur Knallfrösche. Einer nach dem anderen. Die Show flacht ab.

„Bist du eigentlich rasiert?“

Der zweite Teil des Abends beginnt wieder so unterhaltsam wie der erste. In der Pause konnten Zuschauer Cindy SMS mit Fragen oder Anmerkungen schicken. Sie liest und kommentiert diese auf der Bühne. Fragen wie „Bist du eigentlich rasiert?“ pariert sie gekonnt mit „Ja, der ganze Rücken.“

Ihren peinlichen Besuch im Schwimmbad mit Todesfällen und einen Termin beim Frauenarzt arbeitet sie noch ab, kommentiert ihre Themenwahl trocken: „Es sprach niemand von Niveau heute Abend.“ Einem gähnenden Gast lässt sie einen Kaffee bringen („Nicht vergessen, auch ich sehe euch“).

Zum Abschluss singt sie noch einen Song über soziale Gerechtigkeit. Der klingt überraschend ernst. „Ich war Hartz IV und ich weiß echt was das heißt, wenn man aus Frust einen ganzen Dönerspieß verspeist.“ Dann schickt sie ihre „pinke Armee“ hinaus in die Nacht.

Was bleibt, ist die Ahnung, dass mehr in Bessin steckt als nur Stand-Up-Comedy, wie sie bei „Wetten, dass...“ bereits bewiesen hat, wo sie Lanz manches Mal blass aussehen lässt – und das ohne Witze weit unter der Gürtellinie.

Von Anna Kleimann

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