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Comedian Ralf Schmitz in der Göttinger Stadthalle

Rasender Beifall Comedian Ralf Schmitz in der Göttinger Stadthalle

Was braucht man, um wildfremde Menschen zum Quieken zu bringen? Dem Comedian Ralf Schmitz aus Köln reichen eine Leinwand, ein Miniaturpiano und sein Publikum. Das darf nämlich nicht nur zugucken, sondern muss sich aktiv beteiligen. Und zwar sofort.

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Auf der Suche nach typischen Gesten: Spaßmacher Ralf Schmitz befragt „Christian, den Bierbrauer“.

Quelle: Heller

Göttingen. Kaum auf der Bühne, hat Schmitz dieselbe schon wieder verlassen und fordert Besucher in der ersten Reihe auf, eine typische Geste aus ihrem Berufsleben zu zeigen, die Dank Kameraübertragung auf die Bühnenleinwand von jedem Zuschauer mitverfolgt werden kann.

Ein dankbares Opfer findet er in dem Chef einer kommunalen Einrichtung, dessen charakteristische Handbewegung – das Unterschreiben – von Schmitz den ganzen Abend über mit abgespreiztem kleinem Finger karikiert wird: „Ich unterschreibe. Sachbearbeitung ist unter meiner Würde.“

Die Häme über die biedere Behördenarbeit ergänzt Schmitz um den Spott über die Spießbürgerlichkeit des Kleingartenvereins „Ordentliche Hecke“. Teile aus den Vereinsstatuten werden als Hitler-Parodie vorgetragen: „Der deutsche Gartenzwerg hat immer eine rote Zipfelmütze auf.“ Und außerdem muss er darunter blond sein, stichelt der Kölner mit rollendem R.

Damit wagt sich Schmitz in heikle Bereiche des Humors, verlässt aber nie den auf laute Lacher abzielenden Pfad und lässt keinen Raum für den stillen, nachdenklichen Witz, der im Halse stecken bleibt. Für diese Art Humor scheint Schmitz auch einfach keine Zeit zu haben, er ist schlichtweg zu schnell.

Atemlos quieken

Schmitz ist flott in seiner Bewegung und in seiner Sprache – kein Komiker, bei dem es sich einfach zurücklehnen und entspannen lässt – er fordert volle Konzentration und landet einen Lacher nach dem anderen. Flitze-Schmitz feuert seine Pointensalven dabei so schonungslos ab, dass einige Zuschauer dem Erstickungstod gefährlich nahe kommen.

So lassen sich im Publikum immer wieder Menschen mit nach vorne werfenden Oberkörper beobachten, die in einem Mischmasch aus Husten und Lachen eilig nach Luft japsen. Jeglicher Contenance beraubt, beginnen sie atemlos zu quieken. Nur ein einziges Mal an diesem Abend gelingt es dem Göttinger Publikum, den hastenden Komiker für einen längeren Moment perplex einhalten zu lassen – weil er selbst vor Lachen nicht weiter weiß.

Die Zuschauer hatten Fragen notiert, die der Künstler spontan in eine Spielszene einbauen musste. Bei „Wie lautet die Mehrzahl von Wischmopp?“ verliert Schmitz kurz den Faden und verharrt eine Weile in kichernder Einfalt. In diesem Moment ist das Publikum ganz nah an dem Komiker dran. Die Trennung wird aufgehoben.

Wer ist hier der Zuschauer?

Das Publikum lacht nicht über Schmitz, sondern mit ihm. Charmant ruft Schmitz dazu auf, dass sich die Fragenstellerin zu erkennen gebe. Er spielt mit den Rollen und treibt diesen Wechsel an anderer Stelle auf die Spitze: Schmitz setzt sich den Zuschauern gegenüber, tut so, als handle es sich bei ihnen um Tauben, und bewirft sie mit Gebäck­stückchen.

„Da ist wieder die Hübsche“, plappert er als spräche er über ein Tier, wirft mit Krümeln und beäugt das Publikum genau. Das guckt zurück. Wer ist hier der Zuschauer?

Die Nähe zum Publikum ist Schmitz wichtig. Deswegen werden nach der Show selbstverständlich Autogramme gegeben und Fotos mit Fans gemacht, auch wenn, das betont ein Mitarbeiter aus Schmitz’ Team, man nicht viel Zeit habe. Ausgelassene Gemütsruhe hätte man dem wuseligen Witzemacher aber auch nicht abgenommen.

So rauscht Schmitz im Eilschritt ab und entlässt sein Publikum, ausgestattet mit Autogrammkarten und fotografischen Erinnerungen, heiter bis aufgekratzt in die Ruhe der Nacht.

Von Daniela Lottmann

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