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Regional Liebe, Landluft, Langeweile
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17:04 07.05.2017
Quelle: r
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Göttingen

„Ein Monat auf dem Lande“ hat keine spannende Handlung und keine berührenden Protagonisten. Die Gutsherrin Natalja (Rebecca Klingenberg) vertreibt sich den Sommer mit einem Flirt mit dem guten Familienfreund Rakitin, während ihr Ehemann Arkadij (Andreas Jeßing) seine Baustelle beaufsichtigt. Die Ankunft des Studenten Aleksej (Florian Donath) lässt die Herzen von gleich drei Frauen einen Hüpfer machen: Katja (Felicitas Madl als beflissenes Dienstmädchen), Vera (Christina Jung), Ziehtochter von Natalja, und Natalja buhlen um seine Aufmerksamkeit. Die Koketterie scheint Aleksej zunächst kalt zu lassen, lieber spielt er mit seinem Schützling Kolja (Valentin Kühn) und lässt Drachen steigen.

Das Stück wirkt nicht ohne Grund ein wenig aus der Zeit gefallen: Der russische Autor Ivan Turgenev schrieb es 1865. Ganz nebenbei scheint Turgenev das Feudalsystem zu kritisieren, wenn er schlicht Leibeigene als souveräne Protagonisten etabliert, ohne dies im Stück selbst zu thematisieren. „Ein Monat auf dem Lande“ zeigt aber hauptsächlich den Landadel und seinen Stillstand. Selbstbezogen und aneinander vorbei verleben die Protagonisten ihren drückenden Sommer.

Das Ferienhaus hat Augen, aber keine Ohren: Hinter den Vorhängen zeichnen sich die Umrisse von Personen ab. Draußen auf der Bühne verhandelt Natalja über Veras Heirat mit dem alten Nachbarn. Drinnen steht Vera, beobachtet die Szene. Doch die stillen Beobachter scheinen nicht zu hören, worüber draußen gesprochen wird. Selbst die Lauscher, die sich an die Ecke der Hauswand drücken, scheinen nicht wirklich zuzuhören. Sie werden nie zu Mitwissern. Das Stück hat seine Längen, nach der Pause nimmt die Handlung deutlich an Fahrt auf und die Komik verdichtet sich. Der Arzt Spigelskij (abgeklärt und opportun von Paul Wenning gespielt) erheitert das Publikum mit seinem unverfrorenen Werben um die Gesellschafterin Liza.

Beni Küngs Bühnenbild unterstreicht nicht nur die Ferienidylle. Bei jeder Umdrehung des Ferienhauses finden sich neue Utensilien auf der Veranda. Neben Grill und Blumenerde tauchen aufblasbare Elefanten und ein gelber Wal auf. Es sind immer nur kleine Veränderungen, doch sie deuten an, dass es in diesem Stück auf die Details ankommt. Die Kostümierung (Katharina Meintke) ist knalliger als die farblosen Persönlichkeiten. Gabi Dey trägt als Liza blauen Blumentprint zu leuchtend gelben Sandaletten. Der Hausarzt schultert lässig den signalroten Pullover. Nebenbei diskutiert man über Gehen oder Bleiben, als Lösung der Liebeskomplikationen, während man in Wirklichkeit so vor sich hin dümpelt wie die Gurken in der Wasserkaraffe, aus der sie trinken.

Am Ende überzeugt das Ensemble des Deutschen Theaters mit ihrer Darstellung im mühsam aufgespannten Handlungsrahmen. Angelika Fornell schafft es mit nur einer wegwerfenden Handbewegung, die Oma im Rollstuhl überzeugend zu mimen. Florian Donath belustigt das Publikum mit einem Auftritt als nackter Flitzer über die Bühne und Lutz Gebhardt im schrecklich violetten Anzug gibt den beschränkten Brautwerber. Ein unterhaltsamer Abend.

Weitere Termine sind Donnerstag, 11. Mai, Mittwoch, 17. Mai, Freitag, 2. Juni, Mittwoch, 14. Juni, Montag, 19. Juni und Freitag, 23. Juni um 19.45 Uhr.

Von Jorid Engler

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