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Regional Blick in die Abgründe der Seele
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15:48 24.04.2017
Quelle: r
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Göttingen

„Betreten verboten“ steht auf dem Schild am Zaun, das Hubert Fängewischs Reich umgibt. Liebevoll dekoriert hat der 70-Jährige sein Reich (Bühne und Kostüm: Johannes Frei). Da gibt es einen lebensgroßen Porzellan-Schäferhund und ein Aquarium. Für Lokalkolorit sorgt eine Lichtwerbung für Göttinger Edelpils. Im Bademantel beginnt Fängewisch (Ronny Thalmeyer) in Ruth Messings Inszenierung seinen einstündigen Monolog.

SPD-Mitglied seit 30 Jahren, Fahnenträger der Knappenkapelle und engagiert für die Verschönerung seines Heimatdorfs Maunke: Das ist die eine Seite von Fängewischs Leben. Doch der Arbeiter, der in gemütlichem Dialekt jovial plaudert und sich vom Publikum ein Ständchen zum Geburtstag singen lässt, steckt voller Aggressionen.

Er schimpft über seine Gattin, die kein Fleisch mehr essen will („wegen der vielen Mormonen“ darin). Er ärgert sich über die Frauen im Wartezimmer des Arztes, empfiehlt ihnen seinen Vater als Vorbild, der sich faule Zähne mit der Zange zog. Er empört sich über eine Nachbarin, die ihren untreuen Ehemann mit einer Vase niederschlug, erwürgte und – nach fünf Jahren Gefängnis – wieder im Dorf lebt.

Stolz berichtet Fängewisch, wie die Dorfgemeinschaft einen örtlichen Blumenhändler, der sich nicht am gemeinsamen Projekt „Unser Dorf soll schöner werden“ beteiligen wollte, mit einem Boykott und sozialer Ächtung in die Knie gezwungen hat. Richtig heiß läuft Fängewisch, als er auf die Asylbewerber im Dorf zu sprechen kommt – was Thalmeyer beängstigend gut gelingt.

Von seinen Steuergeldern würden die Fremden leben, Hunde und Katzen essen, Läuse in den Kindergarten einschleppen. Sein Sohn macht ernst, erschlägt einen Afrikaner und erzählt bei der Vernehmung auch von der Sammelleidenschaft und den Feiern des Vaters. Nun wird Fängewisch selbst von Dorfgemeinschaft geächtet. Ein verstörendes Stück aus dem Jahr 1993.

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