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Regional Ein aussichtsloser Held
Nachrichten Kultur Regional Ein aussichtsloser Held
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14:27 23.04.2017
Quelle: r
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Göttingen

In einem New Yorker Hamam treffen sich Amir und seine Frau Emily, gespielt von Benjamin Kempf und Marie Seiser, zum gemeinsamen Entspannen. Im schummrigen Dunst bewegen sie sich ganz ungezwungen, unterhalten sich, knutschen, und ignorieren den muslimischen Besitzer Khalid, der ihnen still die Bademäntel abnimmt. Hier kommen sie mit dem Kurator Isaac und seiner Frau Jory zusammen, die außerdem Amirs Kollegin in der Kanzlei ist. Was eine harmonische Konstellation sein könnte, entwickelt sich im Verlauf des Stückes zum Pulverfass.

„Es liegt so viel Schönheit und Weisheit in der islamischen Kultur“, schwärmt Emily. Sie ermutigt Amir, drängt ihn fast, seine muslimischen Wurzeln wertzuschätzen, die er mit Nachdruck verleumdet. „Ja, aber nicht nur!“, ist seine Antwort, überzeugt von der barbarischen Rückständigkeit, die er in seiner Religion sieht. Im Gespräch tritt hervor, was er jahrelang zu unterdrücken versucht hat: Er schlägt seine Frau, er spuckt Isaac ins Gesicht, wie seine Mutter es getan hatte, als sie von seiner Schwärmerei für ein jüdisches Mädchen erfuhr. Immer mehr wird er zu dem, was er verabscheut.
Das Setting im Hamam wirkt teilweise absurd, gibt der Handlung aber eine Atmosphäre der ungeschönten Ehrlichkeit: Wo sich körperliche Makel nicht verstecken lassen, kommt auch das wahre Selbst zum Vorschein. Das minimalistische Bühnenbild lässt viel Raum für Bewegung und reagiert hervorragend auf das intensive farbige Licht, das in mehreren Szenen die Stimmung kippen lässt. Auch die bemerkenswerte Ausdruckskraft der Darsteller schafft eine Spannung, die das Publikum in ihren Bann zieht und die knapp zwei Stunden wie im Flug vergehen lässt.
Seinen Höhepunkt erreicht Amirs Selbstverleugnung in der letzten Szene. In einem anderen Haman wird er damit konfrontiert, dass sein Neffe vom FBI verhört wurde und abgeschoben werden soll. „Wenn du aus dem Haus gehst, achte darauf, eine andere Botschaft zu senden. Die machen nämlich die Regeln“, ist der einzige Rat, den er ihm geben kann. Dabei bepinselt er sich am ganzen Körper mit einer weißen Maske. Als unternehme er einen letzten Versuch zu sein, was er nicht ist. Während der ganzen Szene spielt im Hintergrund leise „Losing my Religion“ und verstummt erst, als Amir wieder allein ist. Akhtar wurde 2013 für sein Stück mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.
Weitere Aufführungen sind für Freitag, 28. April und 5. Mai 2017, jeweils im 19.45 Uhr geplant. Karten sind unter Telefon 0551/496911 erhältlich. 

Von Jana Probst

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