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Das Leben des Professors ein Trümmerfeld

Junges Theater spielt „Oleanna“ Das Leben des Professors ein Trümmerfeld

John ist Dozent, bald sogar ordentlicher Professor mit Anstellung und Gehalt auf Lebenszeit. 20 Jahre hat er darauf hin gearbeitet, jetzt kann er für sich und seine Familie auch endlich ein Haus kaufen. Der Vertragsabschluss steht kurz bevor, eine Anzahlung ist schon geleistet. Dann tritt Carol in sein Leben und verwandelt es in ein Trümmerfeld.

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Flott unterwegs auf dem Weg zur Eskalation: Carol (Henrike Richters) und John (Jan Reinartz).

Quelle: Eulig

„Oleanna“ heißt das Stück des US-amerikanischen Autors David Mamet, das am Mittwochabend in einer Produktion des Jungen Theaters (JT) Göttingen in einem Hörsaal der Universität Premiere hatte. Für die Inszenierung zeichnet Ina Annett Keppel verantwortlich.

Eigentlich ist der Fall doch klar. Das Referat von Carol (Henrike Richters) ist nicht ausreichend, einen Schein kann es dafür nicht geben. Das Buch des Professors (Jan Reinartz) hat sie zwar gelesen, aber ebenso wenig verstanden wie das, was er im Seminar sagt. Vielleicht hätte sie einfach etwas anderes studieren sollen. Oder eine Berufsausbildung beginnen. Doch Carol muss – oder will bestehen. Also redet sie mit John.

Der zeigt sich bald einsichtig und will ihr Nachhilfe geben. Carol fühlt sich unterlegen und beginnt, die Machtverhältnisse umzukehren. Ihr Verhalten bekommt psychopatische Züge. Doch so einfach machen es Autor Mamet und Regisseurin Keppel den Zuschauern nicht.

Natürlich wirkt Carol zu Beginn nicht eben schlau – das ist die vielleicht einzige Schwäche des Stücks. Denn hinterher nimmt sie John sprachlich messerscharf auseinander. Der Verdacht könnte aufkeimen, das Carol von Anfang an darauf aus war, John zu diskreditieren. Doch genau dieser Eindruck darf nicht entstehen. Denn hier geht es um die Macht der Sprache, die Bedeutung der eigenen Schutzzone und die Wahrnehmung des Gegenübers.

Klar, John will helfen und das auch noch weitgehend uneigennützig. Doch er verletzt Carol, mit dem was er sagt. Er kommt ihr zu nahe, wenn auch erst mal nur mit Worten. Selbst die Wendung „nur mit Worten“ würde Carol als verletzend empfinden. Wie also miteinander kommunizieren, wenn das Verständnis von Sprache und ihrer Macht so weit auseinander liegt?

Zum Glück ist es der Regisseurin gelungen, die sprachgewalttätige Auseinandersetzung lange auf einem ganz feinen Grat zu halten, der das Verbrüdern oder Verschwestern mit einem der beiden Protagonisten ganz schwer macht. Erst allmählich vollzieht sich die Erkenntnis, das Carol tatsächlich Gewalt erleidet. Das launige Intellektuellen-Gerede des Professor erscheint mehr und mehr in einem anderen Licht.

Bis zu diesem Punkt funktioniert die Inszenierung blendend, weil sie verstört. Denn  sie konfrontiert uns mit der eigenen Gedankenlosigkeit, vielleicht sogar mit dem bewussten Ausüben von Macht. Doch wie weit sind wir bereit, Carol bei ihrem Feldzug zu folgen, der immer mehr totalitäre Züge annimmt. Oder ist diese vernichtende Konsequenz vielleicht notwendig, weil Johns Einsichtsfähigkeit lahmt?

Und wer aus dem Ensemble des JT soll nun diese beiden Rollen spielen? Henrike Richters natürlich mit ihrer ganzen Verletzlichkeit, die doch so schnell in Aggression umschlagen kann, und Jan Reinartz mit seiner freundlichen Distanziertheit. Das liegt genauso nahe wie die Idee, die Theaterbühne gegen einen leicht antiquierten Hörsaal einzutauschen.

Doch gerade im Theater sind die naheliegenden Entscheidungen nicht immer die besten. In diesem Falle allerdings schon. Denn Richters und Reinartz spielen groß auf und tragen ganz wesentlich dazu bei, dass die Inszenierung diesen Realismus behält, der den Konflikt knallhart auf die Zuschauerränge befördert – und dort heftig an die Nieren geht.

Weitere Vorstellungen: 29. November, 4., 6., 10. und  18. Dezember sowie am 8. und 17. Januar (dann auch  mit Nachgespräch) um 20 Uhr im Hörsaal AP 26, Goßlerstraße 10 in Göttingen. Am 5. und 12. Dezember ebenfalls um 20 Uhr läuft „Oleanna“ im Jungen Theater, Hospitalstraße 6. Kartentelefon: 05 51 / 49 50 15.
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