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Verträumt, wild, schräg

Michael Wollny Trio Verträumt, wild, schräg

Mal verträumt, mal wild, mal schräg: Ein Konzert von erstaunlicher Bandbreite bot das Michael Wollny Trio am Freitagabend im Kulturzelt Kassel. An die 600 Zuhörer applaudierten am Ende stehend den Jazzmusikern im angenehm klimatisierten Zelt in der Fuldaaue.

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Quelle: GT

Kassel. Draußen war es sommerlich heiß. Menschen suchten Zuflucht im Schatten alter Bäume oder sonnten sich auf den Wiesen am Fluss. Eine Frau schwamm in der Fulda. Im großen Biergarten vor dem Kulturzelt, das in diesem Sommer zum 31. Mal Programm bietet, herrschte Volksfeststimmung.

Drinnen im großen, erfrischend-kühlen Zelt, das fast ausverkauft war, schwitzten nur die Musiker unter den Scheinwerfern auf der Bühne. Mit Handtüchern trockneten sie sich nach den Stücken ab. In der Hitze hatte Pianist Wollny – mit wildem Haarschopf und Schlafzimmerblick – Mühe mit der Moderation. Der preisgekrönte Musiker, der unter anderem sieben Mal den Echo der Deutschen Phono-Akademie holte, bekam die Stücke nicht zusammen. Was hatten sie eben gespielt? Was stand nun auf der Playlist? Doch das tat der Musik keinen Abbruch. Was die drei bei ihrem letzten Konzert vor der Sommerpause boten, war großartig.

Verträumt begannen die Künstler. Schlagzeuger Eric Schaefer aus Berlin ließ die Besen über Snare Drums und Becken streichen. Bassist Christian Weber, ein Schweizer, zupfte seinen Kontrabass. Perlende Töne entlockte der Pianist, der aus Schweinfurt stammt und heute mit seiner Familie in Leipzig lebt, dem Flügel. Doch die Band kann mehr. Auf melodiös-harmonische Barmusik folgten cool-lässige Passagen. Mal swingte das Trio, dann bot es wild-dissonanten Free Jazz, der von ruhigerer Musik wieder aufgefangen wurde. Auch romantisches Kerzenschein-Klavierspiel hatte Wollny zu bieten, der mit seinen Stücken, ungewöhnlich für einen Jazzpianisten, auch regelmäßig die Popcharts bedient.

Unberechenbar und experimentierfreudig sind die drei. Sie entlockten ihren Instrumenten mit ungewohnten Spieltechniken überraschende Töne. Wollny beugte sich über die Tasten hinweg und griff mit der Hand in die Saiten des offenen Flügels. Kontrabassist hing zeitweise über seinem Instrument und bearbeitete die Saiten wie ein Bäcker, der Teig knetet. Er griff auch zum Bogen. Schlagzeuger Schaefer strich die Becken an der Seite und erzeugte so erstaunliche Geräusche. Auch ein Glöckchen ließ er läuten.

Zu hören gab es vom Trio unter anderem eine  des Stücks „Question in a world of blue“ aus David Lynchs Mystery-Horror-Krimi-Serie „Twin Peaks“. Dort lauert das Grauen hinter der Fassade einer friedlichen Kleinstadt. Angelo Badalameni hat das Stück zu einen Text von Lynch komponiert. Von Schaefer stammt die „Motette Nr. 1“, bei dem der Schlagzeugen schrill-treibend den Rhythmus vorgibt.

Das Trio interpretierte Stücke des französischen Komponisten und Dichters Guillaume de Machaut, der im 14. Jahrhundert zu den Avantgardisten zählte. Wollny, der in Schweinfurt und Würzburg Musik studiert hat, spielte sein Stück „Der Wanderer“. Ein großartiges Konzert.

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