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Das Recht auf Freude verteidigen

Lukas Bärfuss im Interview Das Recht auf Freude verteidigen

Der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss war auf Einladung der Georg-August-Universität zu Poetikvorlesungen in Göttingen. Im Interview sprach er über die Zukunft, das Schreiben und seinen neuen Roman „Hagard“, der Ende Februar im Göttinger Wallstein Verlag erscheint.

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Lukas Bärfuss spricht über das Recht eines jeden, die Zukunft zu gestalten.

Quelle: Wenzel

Göttingen. Sie sehen, das haben sie in der Poetikvorlesung hier in Göttingen deutlich gemacht, unsere Gesellschaft in einer kritischen Situation. Die verbindene Einsicht, dass die Zukunft offen und gestaltbar ist, sei uns abhanden gekommen. Sind sie pessimistisch?

Eigentlich nicht, nein. Ich mag das Gefühl nicht, pessimistisch zu sein. Als Gesellschaft sollten wir einfach um gewisse Errungenschaften kämpfen. Der verbreitete Fatalismus halte ich für Feigheit vor den nächsten Generationen. Ich sehe das als Grundproblem unserer Zeit. Ein positiver Zukunftsbegriff beinhaltet auch, dass alle gleichberechtigt die Möglichkeit haben, an dieser Zukunft mitzuarbeiten, dass jeder die Macht hat zu gestalten. Ich denke, viele Menschen sind frustriert, weil sie genau daran nicht mehr glauben können. Das erzeugt Wut, und diese Wut wird politisch ausgenutzt.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Die jungen Menschen. Sie werden neue Möglichkeiten der politischen Beteiligung finden. Kulturpessimismus ist nichts anderes als die Eitelkeit der Alten. Wir sollten einfach daran mahnen, sorgfältig mit unserem Erbe umzugehen. Und nicht gleich alles in den Müll werfen, bloß weil es nicht letzte Woche erfunden wurde. Mich ärgert zum Beispiel die ewige Frage nach dem Sinn der Theatersubventionen. Die Frage: Wozu ist das nützlich? Was bringt uns das? Dieses Zweckdenken bereitet großen Schaden. Das Leben sollte jenseits der Nützlichkeit doch zuerst Freude bereiten. Und Theater bereitet zuerst Freude. Und das Recht daran sollten wir unbedingt gegen den verbreiteten Griesgram der Zwecksmäßigkeit verteidigen.

Ihr neuer Roman „Hagard“ erscheint jetzt am 27. Februar. Angekündigt war er bereits fürs Frühjahr 2016. Was ist dazwischen gekommen?

Ganz einfach das Leben. Das hält sich leider nicht immer an unsere Pläne.

Ist das Schreiben für sie Qual oder Vergnügen?

Manchmal das Eine, meistens das Andere. Aber vor allem ist es meine Lebensweise. Ich liebe meinen Beruf, obwohl oder vielleicht auch gerade weil er mich immer wieder in extreme Situationen führt, die mich an meine Grenzen bringen, mich fordern. Als ich mich entschlossen habe mit Mitte zwanzig freier Schriftsteller zu werden, suchte ich ein Abenteuer. Ich glaubte, Schriftsteller sei eines der letzten großen Abenteuer unserer Zeit. Und das hat sich bewahrheitet. Ich werde jeden Tag überrascht.

In Hagard folgt die Hauptperson Philip einer jungen Frau. Ein Termin ist geplatzt, er hat Zeit, sieht die Frau und folgt ihr und lässt alles andere hinter sich. Der Leser ist immer ganz dicht bei Philip, bei seiner Perspektive. Wie sind sie auf die Idee mit der Verfolgung gekommen?

Das ist eine sehr gute Frage, aber ich habe darauf leider keine Antwort. Wie eine Idee entsteht, ist doch ein sehr rätselhafter Prozess. Ich denke über vieles nach, aber nur ganz wenige Bilder verfestigen sich und werden schließlich zu einer Geschichte. Und in gewisser Weise ist das auch die Frage meines neuen Romans „Hagard“: Wie deuten wir die Bilder, die wir uns von der Welt machen? Wie lösen wir die Rätsel, die uns das Leben stellt? Gerade in unserer Zeit ist das besonders spürbar. Jeden Tag müssen wir so viel unterschiedliche Eindrücke deuten, die gänzlich unverbunden sind. Der Zusammenhang geht verloren. „Hagard“ handelt auch von der Suche nach diesem Zusammenhang.

Philip trifft irgendwann keine bewussten Entscheidungen mehr, folgt nur noch seiner Obsession für die Frau.

Er verliert alles, seinen Halt, seine Existenz, aber er gewinnt auch etwas: Er nimmt auf einmal wahr, empfindet alles mit ungeheurer Schärfe. Sieht alles, riecht alles, ist ganz in der Welt. Er beurteilt die Dinge nicht mehr nach ihrer Nützlichkeit. Er geht ganz im Augenblick auf und findet einen beinahen mystischen Zustand. Dabei denkt er nicht daran, ob ihn nächste Augenblick umbringt oder erlöst. Sehr gefährlich, aber auch sehr lebendig.

In diese Situation konnten sie viel hineinlegen.

Ja, und die Frage bleibt, wer beobachtet eigentlich wen? Ich denke, dass diese Frage in „Hagard“ nicht beantwortet werden kann. Das sich eine Rückkopplung ergibt zwischen Leser, Protagonist und Autor.

Interview: Christiane Böhm

Über Grausamkeiten und die offene Zukunft

Über die Kostbarkeit der freien Rede, die komplizierte Wahrheit, über die Grausamkeiten in der Literatur hin zu einem gefährdeten Zukunftsbegriff – einen weiten, anspruchsvollen Bogen schlug Lukas Bärfuss im ersten Teil seiner Poetikvorlesung in der Aula der Universität.

Der Schweizer Autor überraschte das Publikum in „seiner Verlagsstadt, in die er immer wieder gern kommt“. Niemand hätte ihn gefragt, worüber er redet, scherzt er zunächst. Die Universität, das Literarische Zentrum Göttingen als Veranstalter haben ihn „einfach eingeladen und Schluss!“ Er könne reden worüber er wolle, auch über den berühmten Schweizer Vorfahren Albrecht von Haller und seine Tierversuche. Das tut er dann und da beschleicht den einen oder anderen Besucher wohl das Gefühl, in der falschen Veranstaltung zu sein. Aber Bärfuss kommt elegant auf das „kostbare Privileg der freien Rede“ zurück. Das nicht selbstverständlich sei und für das er sich bedanken wolle.

Teilen wolle er in seiner Poetikvorlesung, so fährt er fort,  die Frage nach der Grausamkeit. Endlose Reihen  Bücher in schöner flüssiger Prosa geschrieben – Shakespeare, Kleist, Büchner – und sie enthielten alle endlose Reihen von Scheußlichkeiten. Besonders scheußlich sei „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi, führt der Schweizer mit vielen Beispielen aus. Er quäle seine Figuren, seine Leser.  Aber er habe es freiwillig geschrieben, er – Bärfuss – habe es freiwillig gelesen, sei als Schriftsteller keinen Deut anders. Warum?

All das Elend, das beschrieben werde, die traurigen Figuren zeigten in die Zukunft, darauf, dass man etwas verändern kann, dass es besser wird. „Die Zukunft ist offen, sie liegt in den Händen der Gesellschaft. Das war der positive Zukunftsbegriff der unsere Gesellschaften verbunden hat“, so Bärfuss. Dieser Begriff sei gefährdet. Die Menschen wollten nichts mehr überwinden, sie hätten die komplizierte Wahrheit satt, wollten einfache Antworten.

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