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Die Kinostarts der Woche

Überragend: Drama „Manchester by the Sea“ Die Kinostarts der Woche

Von "Manchester by the Sea" bis "Personal Shopper": Morgen kommen wieder einige sehenwerte Filme in Göttingens Kino. Hier eine Übersicht.

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Michelle Williams (l) als Randi und Casey Affleck als Lee in einer undatierten Szene aus dem Film «Manchester by the Sea».

Quelle: dpa

Überragend: Golden-Globe-Gewinner Casey Affleck im Drama „Manchester by the Sea“

Göttingen. Das Kap Ann nördlich von Boston ist ein pittoreskes Plätzchen. Fischerboote schaukeln auf den Wellen, Möwen kurven im Wind. Im Kontrast zur Atlantik-Idylle steht der Schmerz, den die Menschen in „Manchester by the Sea“ mit sich herumtragen.

Beinahe zweieinhalb lohnende Kinostunden dauert es in Kenneth Lonergans Drama, bis die Zuschauer die ganze Tiefe der Verletzungen ausgelotet haben. Der Regisseur und Drehbuchautor gesteht seinen Figuren enormen emotionalen Freiraum und gelegentlich auch nicht restlos erklärbare Reaktionen zu. Sie sollen mehr als nur funktionieren innerhalb seiner Geschichte.

Der Film beginnt im grauen Boston, wo der verschlossene Hausmeister Lee (Casey Affleck, der kleine Bruder von Ben) im Dauerclinch mit Mietern liegt. Nun bekommt er einen Anruf. Er antwortet mit wenigen Worten, so wie er seine Gefühle zumeist hinter Schweigen verbirgt. Nach einigen Bieren aber kann es schon mal sein, dass er unverhofft in einer Bar zuschlägt, wenn er das (irrige) Gefühl hat, dass andere Gäste ihn mit Blicken belästigen.

Nun aber setzt sich Lee sofort ins Auto und fährt eilig los. Sein herzkranker Bruder Joe (Kyle Chandler) ist soeben eines frühen Todes gestorben. Lee hat es nicht mehr rechtzeitig in die Klinik geschafft. Er soll die Vormundschaft für seinen 16-jährigen Neffen Patrick (Lucas Hedges) übernehmen. Dazu müsste er in den Fischerort Manchester umziehen, so hat es der Bruder in seinem Testament vorgesehen. Aber ist Lee, dem sichtbar unwohl ist, dazu in der Lage?

Immer wieder taucht Lonergan in Rückblenden in Lees Vergangenheit ab. Ganz langsam erschließt sich die Tragödie, an der die Beziehung mit seiner früheren Frau Randi (Michelle Williams) zerbrach. Die tiefen Verletzungen, die sich die beiden gegenseitig beibrachten, werden nicht mehr als unbedingt notwendig rekapituliert. Der Regisseur lässt Leerstellen in seiner Erzählung. Er weiß, dass seine Zuschauer diese schon mit ihrer Fantasie zu füllen wissen. Unumgänglich ist es, dass sich Lee und Randi in dem winzigen Städtchen begegnen. Lee ist dem zufälligen Zusammentreffen nicht gewachsen, lässt Randi vor dem Supermarkt einfach stehen.

Zumeist aber regelt er Papierkram und kutschiert seinen Neffen durch die Gegend. Patrick ist ein echter Hallodri mit gleich zwei Freundinnen, die nichts voneinander wissen. Doch gerade weil der Teenager so arrogant und altklug auftritt, fragt man sich, wann ihn wohl die Trauer über den Tod seines Vaters erwischt. Und wird Lee die Erwartungen des Neffen erfüllen, der mit der Arroganz der Jugend von der Pein des Onkels gar nichts mitzubekommen scheint? Affleck spielt mit wunderbarer Gedämpftheit, in der humorvolle Momente aufblitzen. Dafür wurde er in der vorigen Woche mit dem Golden Globe als bester Hauptdarsteller in einem Drama gekürt.

Man darf sich „Manchester by the Sea“ keineswegs als zu großer Theatralik neigenden Film vorstellen. Das Dramatische liegt hier in der Geschichte selbst. Diesen Hang, das Spektakuläre im Unspektakulären zu suchen, hat Lonergans Film mit mindestens zwei anderen derzeit hoch gehandelten Oscar-Filmen gemein: mit der Liebesgeschichte „Loving“ zwischen einem Weißen und einer Schwarzen (Kinostart: 23. Februar) und mit der Coming-of-Age-Story „Moonlight“ (9. März, Golden Globe fürs beste Filmdrama). Große Themen spiegeln sich im Kleinen. Mit „Manchester by the Sea“ macht Kenneth Lonergan alle glücklich – zuallererst die Zuschauer.

„Manchester by the Sea“, Regie: Kenneth Lonergan, 138 Minuten, FSK 12

Ben Afflecks kleiner, großartiger Bruder

Wie ein räudiger Hund wirkte er, als er in „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ den von Brad Pitt gespielten Ex-Banditen mit einem trockenen „Piff-paff-puff“ seiner Pistole niederstreckte. Casey Afflecks (41) Bösewicht Robert Ford blieb stärker im Gedächtnis haften als Pitts Räuberhauptmann Jesse. Verschlagener Blick, linkische Haltung – Inbegriff eines falschen Heldentums.

Mit Beharrlichkeit hat sich der fast auf den Tag genau drei Jahre jüngere Bruder des Schauspielers und Regisseurs Ben Affleck („Argo“) zu einem der führenden Darsteller Hollywoods für gebrochene Charaktere hochgearbeitet. Zuletzt war er in dem Seerettungsdrama „The Finest Hours“ mit Chris Pine zu sehen. Starke Stücke waren auch das Thrillerdrama „Gone, Baby, Gone“, in dem Bruder Ben Regie führte (2007), und die Gus-Van-Sant-Filme „Good Will Hunting“ (1997) und „Gerry“ (2002). Für „Manchester“-Regisseur Kenneth Lonergan spielte er im Londoner West End in dessen Bühnenstück „Das ist unsere Jugend“.

Mit seinem Auftritt in „Jesse James“ war Affleck für Oscar, Golden Globe und Screen Actors Guild Award nominiert, mit „Manchester by the Sea“ hat er jetzt den Globe gewonnen. Chancen bei den Oscars? Unbedingt. In diesem Jahr wird Affleck als Gespenst in David Lowerys „A Ghost Story“ zu sehen sein. Ebenfalls unter Lowerys Regie entsteht die Bankräubergeschichte „The Old Man and the Gun“ mit Affleck und Robert Redford. Und in der Westernserie „Lewis and Clark“ wird er als Pionier Meriwether Lewis 2018 in den Westen vordringen. Big

Die Geister, die sie rief

Ein kruder Mix aus Horror, Krimi, Psychotrip: „Personal Shopper“ mit Kristen Stewart

Von Stefan Stosch

Kommunizieren Geister heutzutage womöglich per Smartphone? In „Personal Shopper“ des französischen Regisseurs Olivier Assa- yas sieht es jedenfalls ganz danach aus. Da scheint sich ein Gespenst geradezu zu einem digitalen Stalker zu entwickeln, weshalb man viel auf Handydisplays starrt – was die visuelle Anziehungskraft des Films nicht erhöht, auch wenn sich Assa- yas einiges einfallen lässt bei einer Fahrt durch Paris, um nicht ganz das erzählerische Tempo zu verlieren.

Immerhin: Kristen Stewart ist die von Textnachrichten Bedrängte. Mit einer ebenso nervösen wie konzen- trierten Vorstellung versucht sie dieses krude Cross-over von Horror, Krimi und Psychotrip zu retten.

Kristen Stewart spielt Maureen, die Assistentin eines Stars, eine ähnliche Rolle wie auch schon in Assa- yas’ Vorgängerfilm „Die Wolken von Sils Maria“ – da lernte sie zusammen mit ihrer Chefin Juliette Binoche Drehbücher. Nun ist Stewarts Maureen auf eiligen Shoppingtouren quer durch Europa unterwegs, um auf Fashionshows und in Edelboutiquen überteuerte Klamotten für ihren nur kurz in diesem Film auftauchenden Boss (Nora von Waldstätten) einzukaufen.

Ganz bei der Sache ist Maureen aber nicht: Ihr Zwillingsbruder Lewis ist jüngst an einem Herzfehler gestorben, an dem auch sie selbst leidet. Die beiden hatten sich versprochen, dem anderen im Falle ihres Todes ein Zeichen aus dem Jenseits zu geben. Darauf wartet die für übernatürliche Erscheinungen empfängliche Maureen und mit ihr der Zuschauer. Und dann gespenstert doch mehr in diesem Film, als man es für möglich gehalten hätte.

Assayas („Carlos – Der Schakal“) lässt sich ganz konkret und gänzlich unironisch auf Geisterspiele ein. Ektoplasma-Wolken wabern durch dunkle Räume, Wassergläser schweben durch die Luft und gehen auch schon mal zu Bruch. Bei der Premiere in Cannes sorgte dieser Mummenschanz für abfällige Lacher, denn die Sache wird zwischenzeitlich unfreiwillig komisch. Dennoch brachte „Personal Shopper“ dem Filmemacher den Regiepreis einer Jury ein, die gleichzeitig Maren Ades „Toni Erdmann“ leer ausgehen ließ. So viel zur Gerechtigkeit von Preisen bei Festivals.

Der Zuschauer muss sich anstrengen, um über all den Hokuspokus hinwegzusehen und die feinfühlige Leistung von Kristen Stewart anzuerkennen. Im Kern sucht hier eine durch den frühen Tod ihres Bruders tief verunsicherte junge Frau nach Halt in einem Leben, von dem sie sich selbst abgestoßen fühlt. Bei der Trauerarbeit helfen tröpfelnde Wasserhähne und schemenhafte Wesen aber nicht unbedingt weiter.

Dem Ex-„Twilight“-Teeniestar Stewart dürfte dieser kuriose Ausflug ins Gespensterfach nicht schaden. Die US-Amerikanerin hat sich längst schon von ihrer vampirischen Existenz als Isabella „Bella“ Swan befreit und geht neue cineastische Wege. Im wirklichen Leben ist Kristen Stewart übrigens mit ihrer früheren persönlichen Assistentin Alicia Cargile zusammen

Wo der König ein Toaster ist

Animiertes Metall: Der Kinderfilm „Ritter Rost – Das Schrottkomplott“

Von Jörg Brandes

Schrottland ist so gut wie bankrott, auch den Rittern drohen damit Sparmaßnahmen. Um zu beweisen, dass er und seine Zunftgenossen für die Sicherheit des Reichs unerlässlich sind, heckt Kinderbuch-, TV- und Kinostar Ritter Rost bei seinem zweiten Leinwandauftritt einen Plan aus. Doch der geht so schief, dass alle Ritter entlassen werden. Nun tritt Rost in die Fußstapfen seines Tüftlervaters. Mit seinen Erfindungen versorgt er die wachsende Polizeiarmee der luxussüchtigen Königstochter Magnesia. Es liegt am patenten Burgfräulein Bö, Rost zur Räson zu bringen und mit seiner Hilfe das Schlimmste zu verhindern.

Die Leibwächter des Königs sehen verdächtig nach den Minions aus, Prinzessin Magnesia erinnert an Helena Bonham Carters Rote Königin aus den „Alice im Wunderland“-Filmen. Ansonsten ist Ritter Rosts aus Metall zusammengeschraubte Animationswelt sehr eigen gestaltet. König Bleifuß etwa hat einen Toaster als Rumpf. Die visuelle Originalität geht mit erzählerischem Reichtum einher. Ob die für einen Kinderfilm gewagten Anspielungen auf die Finanzkrise zur anvisierten Zielgruppe durchdringen, ist indes fraglich.

Leben als Baustelle:

„Diamond Island“

Da reist man im Kino via Film ins ferne Kambodscha und stellt hinterher doch ein wenig überrascht fest, dass sich dort in Zeiten der Globalisierung die jungen Leute ganz ähnlich wie bei uns verhalten.

Zumindest wenn es um ihre Freizeit geht. „Reiseführer“ in „Diamond Island“ ist der 18-jährige Bora (Sobon Nuon), ein Junge vom Lande, der als Handlanger bei einem riesigen Bauprojekt am Rande der Millionen-Metropole Phnom Penh arbeitet. Er ist mit seiner Clique aus Gleichaltrigen in einer Baracke untergebracht, schuftet tagsüber für wenig Geld und verbringt die Feierabende mit seinen Kumpels. Dann wird abgehangen und fantasiert – vor allem über die Mädchen im neuen Stadtteil Diamond Island.

Auf eine dramatische Wendung wartet man in Davy Chous Film vergeblich. Der Regisseur konzentriert sich auf die kleinen Alltagsdramen dieser jungen Leute. Dann trifft Bora seinen älteren Bruder, der schon vor Jahren in die Hauptstadt gegangen ist und einen „Sponsor“ hat, der ihn in die USA holen will. Und Bora hofft, dass er den Bruder begleiten darf.

Wahn: „Verborgene Schönheit“

Alle großen Worte haben für das PR-Genie Howard (Will Smith) nach dem Tod seiner Tochter ihre Kraft verloren. Sein Unternehmen steckt in der Krise, und Howard ist für seine Co-Chefs nur noch eine Last – zudem noch wunderlich. Er schreibt Briefe an „Liebe“, „Zeit“ und „Tod“. Die Agentur-Freunde nehmen ein Schauspielertrio unter Vertrag, das Liebe (Keira Knightley), Tod (Helen Mirren) und Zeit (Jacob Latimore) personifizieren soll. Howards Wahnvorstellungen sollen so unter Beweis gestellt werden, aber die Auftritte entwickeln ungeahnte therapeutische Effekte. „Verborgene Schönheit“ ist ein esoterischer Lebensratgeber in Bildern. schw

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