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Denkwürdige Momente

Musikerabschied vom Innenstadtkino Cinema Denkwürdige Momente

Eine Kinogeschichte geht zu Ende, aber nicht ohne Paukenschlag: Im Cinema Göttingen, dem letzten Innenstadtkino, haben sich zum Abschluss lokale Musikgrößen die Klinke in die Hand gegeben und den Vorführraum in einen Konzertsaal verwandelt.

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Drei der Musiker-„Lieblinge“ von Cinemachefin Kirchner: Winterschladen, Steller und Fuhr (v. l.).

Quelle: PH

Besondere Umstände, so scheint es, sorgen für besondere Erlebnisse. Denn sonst wäre das Publikum wohl kaum in den Genuss einer besonderen Formation gekommen, die es im Kulturalltag nicht gibt: Gitarrist und Sänger Oliver Steller, der zusammen mit Dietmar Fuhr am Bass und Bernd Winterschladen am Tenorsaxophon früher am Abend sein „Alles oder Nichts“-Konzert gegeben hatte, fand sich mit Mark Gilles­pie (Gitarre, Percussion) und Tom Drost (Querflöte) zusammen. Pianist Björn Jentsch, der sich im Cinema als Stummfilmbegleiter einen Namen gemacht hat, war erkrankt.

So ganz zufällig kam es nicht zu dieser Formation, wie Cinema-Inhaberin Alexandra Kirchner erklärte. Alle Musiker seien nämlich ihre „Lieblinge“, ein Urteil, das nach dem intensiven Konzerterlebnis jeder Zuschauer geteilt haben dürfte.

Steller eröffnete das Set mit drei seiner einfühlsamen Gedichtvertonungen von Rilke und Fried, die durch ausladende Improvisationen ergänzt wurden. Und das machte dieses Konzert so besonders: Alle Musiker, die erst wenige Stunden zuvor die erste gemeinsame Probe absolvierten, harmonierten in solcher Spontaneität und Eleganz, dass es einem bisweilen den Atem raubte.

In Stellers entspannt groovender und später downbeat-betonter Bearbeitung von Rilkes „Der Panther“ lieferte sich Gillespie an Cajon und Drumcomputer mit Fuhr einen interessanten Dialog, der der Perkussivität des Stückes Rechnung trug. Ein weiterer denkwürdiger Moment fand sich in Gillespies Version von „Don’t mess around“, in dem die Band in einen aus nur einem Akkord bestehenden Loop gespült wurde. Gut, dass ein versierter Jazzsaxophonist wie Winterschladen weiß, was er mit einem Mollsept-Akkord anzufangen hat. Die kreative Sprengkraft erreichte schon mit diesen Momenten einen Höhepunkt und sorgte dafür, dass Musiker und Publikum den Saal erst weit nach Mitternacht verlassen wollten.

Verspieltes musikalisches Naturtalent

Eigentlich muss man Gilles­pie in Göttingen nicht mehr vorstellen, denn der gebürtige Brite hat durch seine Auftritte längst Kultstatus erreicht. Am Sonnabend verabschiedete er sich mit Tom Drost von „ihrer Lieblingsspielstätte“.

Gillespies Stimme ist herrlich erdig und kräftig, sein Gitarrenspiel solide und seine Ideen für eigene Songs oder originelle Cover sind kreativ. Doch Gilles­pie ist nicht nur ein musikalisches Naturtalent, sondern auch ein Spielkalb, was Loopmaschine und Drumcomputer angeht.

Er versteht es geschickt, Effekte zu erzeugen, die sehr viel mehr als zwei Musiker suggerieren. Es ist immer wieder faszinierend zu beobachten, wie er den Loops neue Beats unterlegt, notfalls auch mit dem Kopf seiner Gitarre. Das sorgt für Abwechslung und spannende Improvisationsmomente, die seiner Musik angesichts der Tatsache, dass es nichts wirklich Neues zu hören gab, sehr gut taten.

Doch insbesondere die zweite Hälfte des Konzerts litt unter Gillespies Faszination über sein Spielzeug. Auch wenn Technik begeistert, ein Stück mehrere Male anzuspielen und immer wieder abzubrechen, um weitere Klangfarben der elektronischen Drumkits auszuprobieren, führt zu Längen und sollte er sich für private Experimente aufsparen. Doch man kann Gillespie einfach nichts übel nehmen.

Wie schon so oft harmonierte er perfekt mit Drost an der Querflöte, der wie kein Zweiter dem braven Instrument durch gezieltes Überblasen perkussive Bluessoli entlockt. Gillespie könnte sich in dieser Hinsicht eine Scheibe von seinem Mitmusiker abschneiden: Statt mit Technik kann man auch einfach auf Instrumenten spielen. Drost musste immerhin nur die Nebelmaschine bedienen.

Von Jonas Rohde

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