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Regional Der Schwerkraft enthoben
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14:16 16.05.2017
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Göttingen

Zwei rund bearbeitete Baumstämme liegen mitten im Raum. Einer auf dem anderen. Zu beiden Seiten sind Linien auf dem Boden angeordnet, genauso breit ausgelegt wie die Stämme. Auf der einen Seite sind es Linien in Schwarz, auf der anderen in Türkis, die hier in einem Schwung bis zur Decke hochführen und Bewegung in die Installation bringen.

Die Farbigkeiten – die schwarzen mit Ruß, wie auch die türkisfarbenen mit Kreide eingearbeiteten Linien – setzen sich auch auf den Hölzern fort und sie scheinen sich wie Charaktere zu entfalten. Harmonisch wie ein ineinander gerolltes Duo liegen die Stämme da. Gerade so, als hätten sie in Zweisamkeit zueinandergefunden, nachdem jeder seinen eigenen, individuellen Weg gerollt ist. Es ist, als ob sich Zeit entfaltet hätte und hier sichtbar geworden ist.

„Es geht um Kommunikation“, erläuterte Kunstkritiker Michael Stoeber in seiner Eröffnungsrede die im großen Raum installierte Arbeit mit dem Titel „selbander“. Die unterschiedlichen Materialien fänden in der Arbeit zur Symbiose und zur Harmonie. Ein dialogisches Verhältnis sei hier ins Werk gesetzt, „das sich auf wunderbare Weise auch auf der Ebene der Form entfaltet“.

„Es ist eine Ausstellung, da purzeln die Assoziationen“, lobte Stoeber die Schau in den höchsten Tönen. „Das Procedere aus einem Gefühl für die Dinge, das Angehen, aus einer Intuition heraus zu arbeiten, und dann aber mit einer wirklichen Klarheit, einer Präzision weiterzuarbeiten, scheint mir sehr charakteristisch für die Arbeiten“, so der Kunstkritiker.

In ihren Arbeiten trägt Hiß so viel Substanz wie möglich ab und geht an die Grenzen der Tragfähigkeit des Materials, heißt es in einer Kurzbeschreibung zur Ausstellung. Fest an der Wand verschraubt, in den Installationen aber auch kompakt und massiv auf dem Boden liegend, „vermitteln die Arbeiten doch immer ein Gefühl von Bewegung, eine Idee von Leichtigkeit, eine ganz unerwartete Wandlung des Werkstoffes Holz“. Oft scheinen sie der Schwerkraft enthoben.

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Angela Hiß, geboren 1967, hat von 1993 bis 1999 ein Studium der freien Kunst an der Universität Gesamthochschule Kassel absolviert, anschließend ein zweijähriges Meisterstudium bei Prof. Dorothee von Windheim. Während des Studiums verbrachte sie einen Studienaufenthalt im Central Saint Martins, College of Art & Design in London. 2001 bis 2002 erlangte sie am Chelsea College of Art & Design in London den Master of Art. Angela Hiß hat vor etwa 20 Jahren für drei Jahre als Ergotherapeutin in Göttingen gearbeitet. Sie hat zwei Kinder.

Die Exponate, die nur einen Ausschnitt des vielfältigen Schaffens Hiß᾽ zeigen, „haben einen solchen Hallraum und sind in der Lage solche Dimensionen zu entwickeln, von denen sich die Künstlerin möglicherweise selbst gar nicht hat träumen lassen“, sagte Stoeber. Dass die einzelnen Arbeiten fast komplett ohne Titel sind, zeuge auch von Respekt gegenüber dem Betrachter, der sich ein eigenes Bild machen solle.

Hiß, die künstlerisch als Holzbildhauerin, Malerin, Zeichnerin, Musikerin und Videofilmerin tätig ist, präsentiert neben den Holzarbeiten auch Zeichnungen. Gefühlsbilder, bei denen es nicht um Abbildung von etwas Gesehenem geht, sondern um die gefühlsmäßige Reaktion darauf.

Von Karola Hoffmann

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Die Ausstellung mit Arbeiten von Angela Hiß wird bis 11. Juni im Künstlerhaus Göttingen, Gotmarstraße 1 gezeigt. Geöffnet ist dienstags bis freitags von 16 bis 18 Uhr, Sonnabend und Sonntag von 11 bis 16 Uhr. Zur Finissage gibt es am Sonntag, 11. Juni, um 11 Uhr ein Künstlergespräch mit Angela Hiß und Ute Gruenwald. .

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