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Komplizierte Verhältnisse

St.-Jacobi-Kammerchor Komplizierte Verhältnisse

Ein adventliches Konzert – das klingt nach eher geringem Anspruch und Kerzenschein. Der St.-Jacobi-Kammerchor hat untertrieben: Sein A-cappella-Konzert am Sonntag bot ein sehr anspruchsvolles Programm auf sehr hohem Niveau. Zu hören waren Chorsätze von Schütz, Poulenc und Martin, dazu Kammermusik.

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Mit begeistertem Beifall gefeiert: der St.-Jacobi-Kammerchor unter der Leitung von Stefan Kordes.

Quelle: Pförtner

Göttingen. Gleich in den drei Adventsmotetten von Heinrich Schütz zeigten die Sängerinnen und Sänger des Kammerchores, wie gründlich sie von ihrem Dirigenten Stefan Kordes auf diese Aufgaben vorbereitet waren. Der Chorklang war homogen und durchsichtig, saubere Artikulation sorgte für gute Textverständlichkeit, und die Ausdruckswerte waren fein differenziert.

Das gilt genauso für die kleine, stimmungsvolle Kammer­kantate „Un soir de neige“, die Francis Poulenc 1944 auf Texte von Paul Eluard geschrieben hat. Darin geht es nicht um hoffnungsvolle Verheißungen der Adventszeit, sondern um Erstarrung von Mensch und Natur, um Nacht, Kälte und Einsamkeit. Das hat Poulenc in eine sehr emotionale, doch nirgends sentimentale musikalische Sprache umgesetzt, mit der sich die Choristen intensiv auseinandergesetzt hatten. Das war nicht zuletzt an der sicheren Intonation zu merken, die sich auch von harmonisch komplizierteren Verhältnissen nicht beeinträchtigen ließ.

Zwischendurch gab es – als Atempausen für die Choristen und als stilistische Abwechslung für die Hörer – Kammermusik für Violoncello und Klavier. Dafür hatte Kordes den Cellisten Frank Scheller engagiert. Der beeindruckte in Beethovens Variationen über „Tochter Zion“ – jener Melodie, die aus Händels Oratorium „Judas Maccabaeus“ stammt –, einem „Lied ohne Worte“ von Mendelssohn und drei Albumblättern des russischen Spätromantikers Reinhold Glière (1875-1956) mit wunderschön singendem, warmem Ton. Ihn unterstützte Kordes am Klavier stets zuverlässig und ausdrucksvoll.

Den Glanzpunkt hatte Kordes für das Finale des Abends aufgehoben: die doppelchörige A-cappella-Messe von Frank Martin, komponiert zwischen 1922 und 1926. Diese Musik ist eine große Herausforderung für Choristen. Weniger gut geschulte Sängerinnen und Sänger können von den harmonischen Kühnheiten dieser Musik rasch aus der sicheren Intonations-Bahn geworfen werden. Dazu waren die stellenweise durchaus raschen Tempi, die Kordes seinen Vokalisten abverlangte, ein Prüfstein für die Artikulation. Doch all dies meisterte der Kammerchor St. Jacobi mit großer Souveränität und differenziertem Ausdruck.

Nirgends brach der Spannungsbogen dieses Werkes, das dem gestaltenden Dirigenten eine große Bandbreite zwischen kontemplativem Gestus und leidenschaftlichen Ausbrüchen abverlangt. Dementsprechend begeistert tönte am Ende der Beifall. Zum Dank gab es die Adventsmotette „Übers Gebirg Maria geht“ von Johannes Eccard.

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