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Die Radieschen von unten

„Der Tod“ mit Death Comedy im Göttinger Apex Die Radieschen von unten

Sein Ruf ist denkbar schlecht. Doch damit ist jetzt Schluss. Der Tod ist mit seiner Image-Kampagne in schwarzer Kutte mit schwarzem Humor quer durch die Republik unterwegs. Am Donnerstag gastierte der Erfinder der Death Comedy im Göttinger Apex - mit Konfetti, Blockflöte und Sense-to-go.

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Zum Auftakt des Todesabends: das Leben.

Quelle: Pförtner

Göttingen. Wie sollte es anders sein. Das Warm-up übernimmt erst einmal das „Blühende Leben“. Knallbunt und mit Blümchen dekoriert, bringt die Bühnenfigur als Vorkünstler das Publikum auf Temperatur - bis die Zeit abgelaufen ist, also solange die Sanduhr läuft.

„Das ist stressig, wenn man dauernd den Tod im Nacken hat“, beklagt sich das Leben, um das irdische Dasein auch gleich mit Schlagerliedern abzufeiern. Die Zuschauer sind sofort dabei. Der Comedian trägt eine riesige dunkle Sonnenbrille und lässt damit keinen Augenkontakt zu. Dafür ist seine Stimme sehr freundlich, jung und sympathisch.

Dann kommt der Sensenmann mit schwarzer Kutte, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, das hinter einer schwarzen Strumpfmaske versteckt bleibt. Mit einem piepsigen „Hallo“ eröffnet er sein Programm „Mein Leben als Tod“, und der Bann ist sofort gebrochen. Der Schnitter hat Humor, und mit Witz und Charme macht er dem Tabuthema Tod den Garaus. Hier ist Lachen angesagt statt Angst und Schweigen.

„Wenn ich an der Haustür klingele, wünschen sich die Leute, es wären die Zeugen Jehovas“, erzählt der Tod aus seinem Arbeitsalltag. Und dass er oft genug sinnlos hin- und herrase, wegen der vielen Männer, die mit Erkältung herumjammern: „Ich sterbe, ich sterbe …“ Natürlich kann es der schwarze Mann nicht lassen, mit unschuldiger Stimme ein unverbindliches, aber eindeutiges Angebot zu machen. „Der Volksmund sagt: die Besten sterben immer zu früh.Fühlt man sich da nicht gekränkt, wenn man noch am Leben ist?“

Seit 2011 tritt der Comedian als Tod auf, und er ist Träger zahlreicher Preise, unter anderem des Jurypreises des Großen Kleinkunstfestivals der Berliner Wühlmäuse. Als Meister des Jenseits zieht er sämtliche Register und holt dazu ständig etwas aus den vielen Beuteln und Taschen an der Kutte hervor.

Der Tod liest Grabsprüche und Fanpost vor („Hilfst du auch bei Eheproblemen?“), präsentiert real-satirische Bilder aus dem privaten Fotoalbum und tanzt den Totentanz. Er zeigt dem Publikum beim Anti-Angst-Training „die Radieschen von unten“, liest aus seinem geheimen Tagebuch und singt schaurig schön von seinem Nebenjob als Animateur („Animation statt Reanimation“) auf Mallorca. Mit zwei Zuschauern spielt er ein Geschenke-Quiz, mit der Handpuppe „Kamikatze Mautzi“ treibt er Schabernack.

Eine Wortspielerei jagt dabei die nächste. Und es erstaunt, wie sehr der Tod in der deutschen Sprache zu Hause ist. Der Comedian, der den gesamten Abend über seine Identität nicht preisgibt, versteht es, außerordentlich abwechslungsreich und vor allem auch intelligent mit Albereien, Nachdenklichem und gesellschaftskritischen Seitenhieben zu unterhalten. Das Publikum bedankte sich mit großem Applaus für die kurzweilige Nahtoderfahrung.

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